Schnee ist Wasser, das man essen kann – Die Jugendtagebücher des Dimitri Verscenko

1.

Ich habe versucht, den Schnee zu fangen, der vom Himmel fiel. Ist ganz schön schwierig, vor allem, wenn man Schneeflocke für Schneeflocke aus der Luft klauben will. Und hat man eine, schmilzt sie. „Ja“, sagte meine Mutter, „wie gewonnen, so zerronnen. Merke dir das, Dimitri.“ Sie ging auf ihr Zimmer zurück, weil sie wieder einen Onkel empfing. Täglich kommen an die fünfzehn bis zwanzig Männer, die sich in ihr Bett legen wollen. „Arme Männer ohne Bett“, hat sie mir erklärt. „Ich gebe ihnen für eine Stunde das Gefühl, sie würden wieder über Bettzeug verfügen.“ Meine Mutter ist wirklich eine gute Frau. Ich habe durch das Fenster gespäht. Um die Männer zu wärmen, turnt sie sogar mit ihnen. Und nach einer Weile spielen sie abwechselnd Decke. Jeder darf mal auf jedem liegen. Bin ich groß, will ich auch Decke werden. Oder Turner. Oder beides, wie meine Mutter.

2.

Ich habe gestern mit Onkel Wanja eine Schneefrau gebaut. Ihre Brüste konnten Onkelchen gar nicht groß genug sein. „Lass uns noch mehr Schnee nehmen!“, schrie er aufgeregt und pappte ihn auf die zwei betreffenden Stellen. Er bewegte seine Hände im Kreis. „Oh, die fühlen sich gut an“, stöhnte er. Außerdem bekam sie Unterwäsche übergestreift, die er von Lara, der Dorfschönheit, gestohlen hatte. „Sieht sie nicht ganz wie Lara aus?“ Nein, dachte ich. Im Gegenteil, sie erinnerte mich an Valentin, den Dorfidioten, der sich wieder mal in Frauenwäsche gezwängt hatte. Nachdem wir fertig waren, musste ich Onkel Wanja helfen, die Schneefrau auf einen Karren zu verladen, um sie bei ihm zu Hause in die Wohnstube zu bringen. „Sie wird schmelzen“, sagte ich. Onkel Wanja nickte nervös, leckte sich die Lippen und bat mich, zu gehen.

 

 

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