Gort – Ein Autor für alle Fälle

Eine kleine Literaturgeschichte

1.

Am Anfang steht der Wunsch. Dieser eine Wunsch. Da kann Gort noch nicht mal richtig lesen. Klein wie eine Maus ist er. Aber der Wunsch ist da. Schriftsteller will er werden. Nicht irgendein Schriftsteller, sondern der Schriftsteller, den alle lesen.

Gort steht im Wohnzimmer seiner Eltern. Auf seinen wackeligen Füßen steht er. Wie eine Blume im Wind. Würde man zu fest blasen, seine Haare würden in alle Himmelsrichtungen davongetragen.

Im Fernsehen kommt ein Bericht über Unseld. Über die Gruppe 47. Über Grass. Wichtig sehen sie alle aus. Sie rauchen, drum, so beschließt Gort augenblicklich, wird auch er dereinst rauchen. Nicht wenig, sondern viel. Massen! Ein Kettenraucher wird er werden. Einer, der die Zigaretten an einer Kette um den Hals trägt. Und dann kommt eine nach der anderen dran. Eine nach der anderen. Ein Kettenraucher eben.

Seht (was nur geht, wenn dies ein Film wäre), wie Gort Richtung Fernseher wippt. Füße vor. Füße zurück. Wie ein Schaukelpferd. Gort wippt sich zum Bildschirm hin, bis er ihn berühren kann. Er kann die Kraft spüren. Ein Knistern in den Fingern. Er weiß, er ist ein Gesalbter.

Vater spürt die Heiligkeit des Augenblicks. Er springt auf, nein, das macht er nicht. Er lässt sich von Mutter aus dem Sessel helfen. Sie befreit ihn daraus wie aus dem Kelch einer fleischfressenden Pflanze. Nach oben in die kühleren Luftschichten zieht sie ihn. Hält ihn, damit er nicht fällt. Zum Fallen neigt er. Vater ist ein Baum, der, wenn er steht, immer gerade gefällt wird. Sie hilft ihm zum Plattenspieler, damit er den Moment musikalisch untermalen kann.

„Jetzt, wo der Junge ENDLICH weiß, was er werden will, sollten wir ein Stück von Roger Whittaker spielen. Abschied ist ein scharfes Schwert vielleicht.“

Welch eine Familie. Da stehen sie und lauschen der Stimme Rogers. Sie sehen Gorts Zukunft bereits vor sich. Es wird alles kommen, wie er es sich vorgenommen hat, so hofft er. Er wird eine Lehrerin heiraten. Wird zur Gruppe 47 eingeladen. (Die es damals schon längst nicht mehr gibt.) Er wird einen ersten Riesenerfolg schreiben. Danach noch einen. Und noch einen. Der Büchnerpreis. Am Lebensende der Nobelpreis.

So und nicht anders verlaufen deutsche Karrieren. Man muss es nur wollen.

2.

Der Wille. Er kommt als nächstes. Der Wille kann alles verändern. Der Wille unterscheidet den Menschen vom Ding. Wäre der Stein mit einem Willen ausgestattet, er würde sich aufheben, um fortan als Waffe Gesichter zu verunstalten. Vielleicht. Wer kann schon wirklich wissen, was Steine tun würden, hätten sie einen Willen. Es könnte auch sein, sie würden liegenbleiben.

Aber Gort ist mit einem unbändigen Willen ausgestattet. Er und sein Wille sind eins. Sie verwachsen. Gort wird zum Willen schlechthin.

Während die anderen Kinder mit den Fahrrädern durchs Viertel jagen, stemmt Gort seine ersten Bücher. Noch sind es keine Romane, sondern Comics. Täglich werden es mehr. Unzählige Asterix-Bände lässt er von seinem Vater, der ihn trainiert, auflegen.

Bereits in den frühen Morgenstunden joggt er nach Frankfurt. Später wird es Berlin sein. Hin zum Suhrkamp-Haus. Damals will er noch ein bedeutender Autor werden. Das wird sich ändern.

Er steht vor dem Verlagsgebäude und heult wie ein Wolf. Er raucht. (Bereits in diesen frühen Jahren raucht er Kette. Ist eine ausgeraucht, greift er rasch, die Hand zittert dabei, nach der nächsten. „Wer nicht raucht, der schafft es niemals“, hat ihm sein Vater hustend erklärt.)

Nachmittags schmuggelt ihn Vater in eine Schlachterei, damit er auf Schweinehälften einprügeln kann. Der Rocky-Film ist gerade in aller Munde. Alle wollen sie so sein. So wie Rocky. Auch Gort. Und wie Rambo. Den darf man nicht vergessen. Eine ganze Generation wächst mit dem Wunsch heran, eine Wunde am Arm zu haben, die man mit Nadel und Faden vernäht. Näherarbeitsplätze laufen über. Alle Jobs besetzt. Die Branche boomt.

Ein typischer Morgen im Leben des Nochnichtganzautors Gort sieht folgendermaßen aus: Sein Vater weckt ihn mit einem Eimer eiskalten Wassers.

Das Wasser ergießt sich über sein Gesicht, über die Bettdecke. Alles ist eingeweicht. Es ist fürchterlich. Keine Zeit, um langsam oder allmählich zu erwachen. Du schreckst auf. Bist sofort da. Die Gegenwart beißt dich in dein verfluchtes Gesicht, das sticht, als hätte man tausend Nadeln in ihm versenkt. Tausend und mehr Nadeln gleichzeitig. Stell dir das vor. JETZT!

Der Vater kennt keine Gnade.

„Du willst der Beste werden?“, schreit er Gort an.

„Ja.“

„Ich kann dich nicht hören.“

„Ja, Sir!“

„Bist du ein Näher oder ein Autor?“

„Ein Autor, Sir!“

„Dann lauter!“

„Ich bin ein Autor!“

„Was?“

„EIN AUTOR!“

So geht es hin und her. Oft stundenlang. Vater schleift ihn. Drillt ihn. Er peitscht ihn mit einer Bibel-Ausgabe aus den Laken. Raus in die Morgenluft. Kein Frühstück. Das ist für Schwächlinge. Gort muss rauchen. Kaffee trinken. Das Frühstück der Schriftsteller. Alkohol kommt später. Eine Alkoholsucht gehört dazu. Und nicht nur die, sondern auch eine Koks- und eine Heroinsucht. Alles muss er mitgemacht haben. Er muss die Pforten der Wahrnehmung durchschritten haben.

„Und ziehen!“, schreit Vater.

Gort nuckelt an der Zigarette, bis es dem Vater reicht. Er ist wütend. Sauwütend.

Der Vater schüttelt den Kopf. „Aus dir wird nie ein guter Autor. Sieh dich an, wie du rauchst. Wie ein kleines Mädchen. Das ist erbärmlich. So erbärmlich.“

3.

Der Vater unterrichtet den Sohn selbst. Keine Schule. Sie fahren mit einem Wohnwagen durchs Land, stets auf der Flucht vor dem Schulamt, der Polizei, Anwälten.

Angst, lehrt der Vater seinen Sohn, sei ein guter Lehrmeister. Angst und Entbehrungen. Das Leid habe all die großen Schriftsteller erst geformt.

Gort wird mit Mädchen zusammengebracht. Wieder und wieder verliebt er sich. Wieder und wieder wird er enttäuscht.

„Große Romane entstehen aus Liebesleid“, sagt der Vater, der die Mädchen bezahlt und ihm zuführt.

Sie fahren einige Wochen mit, sitzen mit am Tisch, wenn Gort alles über Dostojewski und Nabokov lernt, halten Händchen mit ihm, laufen mit ihm abends im Sonnenuntergang, schmiegen ihre Wange an seine. Sie schwören ihm ewige Liebe. Schreiben ihm Briefe, die er beantwortet. Die Briefe sind Arbeiten, die der Vater benotet.

Größer und größer wird die Last auf den Schultern des jungen Mannes.

Eines Tages bricht er vor einem Supermarkt heulend zusammen. Der Vater schreit auf. Begeisterung. Sein Sohn befinde sich kurz vor dem Ziel.

Sie schleifen Gort in den Wohnwagen, schicken seine momentane Liebe nach Hause zurück und verabreichen ihm zum ersten Mal Drogen.

4.

Drogen. Sie werden sein neuer Heimathafen. Sein Dach, unter das er sich vor den Unwettern des Lebens zurückzieht. Der Vater experimentiert mit den verschiedensten Substanzen, bis er auf ein aus einer Alge gewonnenes Rauschgift stößt: BLUE DREAMS.

BLUE DREAMS macht melancholisch. Es fördert die bipolare Störung.

„Genau das, was du als Schriftsteller brauchst“, sagt der Vater.

Sie fahren über abgelegene Fernstraßen. Gort sitzt im Wohnwagen und versucht sich an ersten Gedichten im Stil von Georg Trakl.

Nach dem Literarischen folgt nun der Unterricht im Betriebswirtschaftlichen.

Gort muss alles über den „Betrieb“ erfahren. Über die einzelnen Literaturkritiker. Wie funktioniert ihre Psyche. Wer ist mit wem verfeindet. Das alles ist wichtig, will Gort dereinst bestehen.

„Der Büchner-Preis würde noch nie des reinen Talents wegen gewonnen“, erklärt sein Vater. „Du musst auf das Preiskarussel springen können. Sitzt du drauf, folgt ein Preis dem anderen.“

Gort sieht ihn traurig an. Die Trauer liegt an BLUE DREAMS. Morgen kann schon alles anders sein. Da kann es passieren, dass er Bäume ausreißen will. Diese Hochzeiten benutzt der Vater, um ihn an seinem ersten Roman arbeiten zu lassen.

5.

Wieder eine neue Stadt. Ein neuer Campingplatz. Neben ihnen ein Wohnmobil mit einem Frankfurter Kennzeichen. Die Sonne über ihm am Himmel. Wenn Gort sie sieht, denkt er in Hexametern über sie nach. Er sinnt über Ikarus. Über die Möglichkeiten, beim Höhenflug zu verbrennen. Über Flügel, die nicht stark genug sind. Mit seinem Vater hat er schon oft darüber gesprochen.

„Erst wenn du ein starker Autor bist, solltest du dort hinaus, denn sonst wirst du verbrennen.“ Die Worte seines Vaters. Eines weisen Mannes, der in den Stunden, die er sich nicht um Gort bemüht, Platten von Roger Whittaker und Howard Carpendale auflegt. Ein Mann, der sein Bier und seine Zigaretten schätzt. Einer, der selbst nie geschrieben hat. Zumindest hat Gort es nicht gesehen. Merkwürdig eigentlich.

Ein junges Mädchen klettert aus dem Wohnmobil. Ein Körper wie aus Draht. Sehnig und gespannt. Die Nase wie ein Pfeil. Das Gesicht wie ein Katapult für eben diesen Pfeil.

Sie lächelt ihn an. Winkt. Gort hebt die Hand. Er hat bereits zu viele enttäuschte Liebschaften hinter sich gebracht. Er ist gerade mal achtzehn Jahre und ist bereits ausgebrannt. Im nächsten Jahr soll er auf eine Literaturakademie gehen.

„Hallo“, sagt sie.

Eine Stimme, wie die einer Göttin. Um ihr nicht zu verfallen, tritt Gort die Flucht an.

„Ich muss dann mal …!“, schreit er und stürmt auf und davon.

Er stürmt in einen Wald. Der deutsche Wald ist für seine Unwesen bekannt. Dort hausen Wölfe, Mädchen, alte Frauen.

Tiefer und tiefer dringt er ins Dickicht vor. Mit seinem Taschenmesser schlägt er sich eine Schneise.

Es wird Nacht. Längst hat er der Vater eine Suchmannschaft aus sich und seiner Frau zusammengestellt. Mit den Bluthunden eines Platznachbarn erkunden sie die Gegend.

„Er wird doch nicht in den Wald sein“, sagt die Mutter.

Vater überlegt. Es könnte sein. Warum nicht?

Gort hat inzwischen ein Haus erreicht. Es scheint aus Lebkuchen gemacht zu sein. Dank seiner literarischen Vorkenntnisse fällt er auf das Haus nicht herein. Er greift nach seinem Feuerzeug und zündet es an. Lebkuchen brennt schlecht.

Passiert das alles wirklich, fragt sich Gort, der meint, den Verstand zu verlieren.

Nein! Er schnellt nach oben. Alles war ein Traum. Er befindet sich bereits seit drei Tagen auf der Literaturakademie. Der Drill scheint ihm den Kopf vernebelt, mindestens aber beschädigt zu haben.

Er sieht sich um. Ein Zimmer wie aus einem Katalog für Zimmer. Eckig. Gort zählt nach. Alle vier Ecken sind vorhanden. Auch eine Decke und … Tatsächlich. Gort beugt sich aus dem Bett und berührt den Boden.

Um sich zu entspannen, um sich von dem Druck der nächtlichen Träume zu befreien, macht Gort den Fernseher an. Es läuft Der Literaturpreis ist heiß.

Langweilig, denkt Gort und zappt weiter, bis er bei Ein Autor für alle Fälle hängen bleibt. Super. Das ist seine Lieblingsserie. Der Held, ein abgehalfterter Autor, wird in jeder Folge in einen neuen verrückten Fall verwickelt. Dieses Mal geht es um eine Lyrikerin, die von einem Mitglied der berüchtigten Kritikerfamilie Falcone entführt wird, weil sie das Schutzgeld, das ihr gute Kritiken sichert, nicht zahlt. Moll, so heißt der abgehalfterte Autor, stöbert sie in einer Bar in einem Wohnwagen in Mexiko auf, in dem sie sitzt, geknebelt und gefesselt. Der reinste Horror für eine Lyrikerin ihres Kalibers.

Moll und sein schöner Freund, mit dem er seit Folge 2 was hat, befreien sie und töten den Kritiker mit mehreren Schüssen. Vielen Schüssen. So vielen Schüssen, dass man die letzten 20 Minuten dafür draufgehen.

Ja, so etwas würde Gort gerne schreiben. Actionromane, in denen Autos demoliert und in die Luft gejagt werden. Bücher mit schönen Frauen und einem Liebhaber, der sich dem Helden jederzeit und in jeder Lage hingibt.

Hier auf der Akademie bilden sie einen an allem aus, was man zum Schreiben braucht. Es geht ums Handwerk, also trainiert Gort täglich am Spitzer. Sie twittern. Und jeder Student muss ein Blog pflegen. Schreibt Gort einen Satz, der sich nicht in wilden Vergleichen ergeht, muss er über Nacht draußen bleiben und Liegestütze machen, auf dem Rücken die Werke von Adorno und Rattenthaler.

Am liebsten würde Gort hier liegen bleiben. Ein Leben lang. Ein Bettmensch werden. Warum da raus in diese kalte, böse Welt? Im Bett ist es warm und kuschelig. Ein Sommer. Das Bett verspricht einen ewigen Sommer.

Da! Das Wecksignal. Die Pfeife des Erwachens, wie sie von Professor Prompt genannt wird.

Jetzt aber schnell.

Gort lässt sich aus dem Bett fallen, eine alte Technik, die er von seinem Vater lernte.

„Willst du wach werden, schnell wach werden, wirf dich aus dem Bett!“

Aua! Das schmerzt. Gort ist so unglücklich gefallen, dass er sich unter die Dusche schleifen muss. Die Prozedur dauert stundenlang.

Längst ist Prompt aufgetaucht, um nach seinem besten Studenten zu sehen.

„Gort, Sie können es weit bringen. Aber wenn Sie ihre Beine zerstören, werden Sie beim nächsten WALK scheitern und bekommen kein Foto von mir.“

Das Wasser rieselt auf Gort hinab. Nur wenig, weil die Studenten an Schmutz gewöhnt werden sollen.

„Ihr werdet, bevor ihr eure ersten Preise gewinnt, Hartz V empfangen.“ Hartz V ist eine besonders harte Form von Hartz. Sie ist den Schauspielern, Malern und Schriftstellern vorbehalten, die noch weniger als der Rest der Empfänger bekommen.

Gort tupft sich ab. Mit den Blättern aus Bestsellerromanen. Mit Blättern aus Romanen der Unterhaltungsindustrie. Die Kulturindustrie gilt als der große Feind.

„Wenn ihr die Leute unterhalten wollt, habt ihr hier nichts verloren!“, beginnt Prompt seine Unterrichtsstunden.

Gort beeilt sich. Er schlüpft in seine Uniform, bestehend aus Cordhemd, Cordjacke, Cordhose. Alles aus Cord. Außerdem klebt er sich einen Schnauzer auf die Oberlippe, den er jetzt anzubringen versucht. Das Ding will wieder mal nicht halten. Er versucht es mit Speichel. Hält nicht. Der Spezialkleber für Bärte ist aus. Und Gort hat kein Geld, um sich neuen zu kaufen.

Der letzte Pfiff ertönt. Er müsste längst draußen bei den anderen sein.

6.

Da stehen sie. In einer Reihe. Die zukünftige Preisträgerelite des Landes. Jeder zweite ein potentieller Büchner-Preisträger. Sie üben bereits an ihren zukünftigen Dankesreden.

Gewitterwolken grollen über ihren Köpfen.

Professor Prompt schreitet die Reihen ab. Sein Schrittfolge ist eine Offenbarung. Das denken alle seine Schützlinge.

„So müsst ihr laufen, wenn ihr den Nobelpreis bekommt“, sagt Prompt. Und dann schreit er: „An die Pfeifen!“

Sie greifen in die Innentasche ihre Cordjacke. Hinaus mit der Pfeife. Auseinandernehmen, reinigen, zusammensetzen. Füllen. Anzünden. Schmauchen. Das muss alles wie im Schlaf gehen.

„Fertig!“

Prompt hebt die Augenbrauen. Der Junge ist gut. Der wird es weit bringen.

„Woran schreiben Sie?“, fragt Prompt.

„An einem Holocaust-Roman!“

„Sehr gut!“

Gort schreibt an einem Holocaust-Roman, allerdings hat sein Manuskript noch zu viele unterhaltsame Stellen aufzuweisen. Er weiß selbst, dass das nicht geht. Keine lustigen Stellen in einem Buch über den Holocaust. Aber da ist etwas in Gort, dass ihn aufreibt, dass er nicht loswird, dieses unterhaltsame Potential, das ihn seit Jahren auch als Leser in die Hände drittklassiger Ware treibt, die er, nie würde er dies offen eingestehen, mag. Es geht sogar noch tiefer, er liebt diese Romane, in denen Cowboys, Indianer, Zombies und Raumschiffe vorkommen.

Auch beim Rauchen ist Gort der Beste. Er zieht den Rauch ein, hält ihn lange in seinen Lungen, und dies, obwohl er dabei sogar noch über den Stand der Gegenwartsliteratur nachdenkt.

Gerade neulich in einer Diskussion sagte Gort: „Die Gegenwartsliteratur … Was soll ich sagen? Wie soll ich es sagen? Sie ist so gegenwärtig. Aber sollte man wirklich stets und immer gegen alles sein, vor allem gegen das, was wartet? Warum ist der Gegenwartsroman gegen Frauen? Nur weil sie an einer Haltestelle stehen und warten? Ist das ein Verbrechen? Obwohl es, geht man auf das Wort ein, wohl mehr um Wärter geht. Sie ist eindeutig gegen Wärter. Warum? Was haben diese Leute getan, die es auch geben muss. Ich bin dafür, dass ein Fürwärterroman geschrieben wird. Oder ein Fürwartsroman. Im besten Fall schreibt man einen Neutralwartsroman. Das würde auch diese unselige Debatte über die Gegenwartsliteratur beenden. Endgültig und mit einem neuen Wort. In Zukunft sollte über den Zustand der Neutralwartsliteratur gestritten werden. Es wird gar keinen Streit geben. Eben weil sie sich so neutral verhält. Am Ende wird das sogar die Literatur selbst abschaffen.“

Professor Prompt trabt los. Hinter ihm seine Zöglinge. Prompt singt: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Die jungen Autoren wiederholen: „Ich will schreiben und das ist gut.“ Und wieder Prompt: „Zum Schreiben braucht man echten Mut.“ Und so geht es weiter und weiter, während sie das Akademiegelände umrunden. Der Professor gibt eine Zeile vor, die jungen Schriftsteller wiederholen sie.

7.

Gort wird besser und besser. Man kann ihn in den Nächten wecken und anschreien, Gort macht das nichts aus. Er rollt sich aus dem Bett an den Schreibtisch und feuert aus allen Rohren. Er schreibt seine Gedichte in den unmöglichsten Situationen. In Schützengräben, Waldstücken und unter Kritikerbeschuss.

Nach einer Weile werden sie in einer Halle untergebracht, um die Konkurrenz zu spüren. Sie sollen den Atem des Gegners im Nacken fühlen. Sollen wissen, dass da jemand ist, der mehr Bücher als sie verkaufen will.

Gort freundet sich mit Lambert an, der über seine Großeltern schreibt, die nichts getan haben. Ständig saßen sie herum und stierten Löcher in die Luft. Lambert will über die Langeweile schreiben, aber so, dass es nicht langweilig ist. Mit ihm streitet sich Gort oft über Sinn und Unsinn von Literatur.

„Es ist nicht wichtig, was du erzählst. Es geht darum, wie du es erzählst“, sagt Lambert und reicht eine Zigarette seiner Zigarettenkette.

Sie sitzen zusammen, trinken Bier und rauchen.

„Nein“, sagt Gort. „Es ist wichtig, was du erzählst.“

Lambert zuckt zusammen. Er merkt, dass in Gort etwas heranwächst, was mit den Zielen der Akademie unvereinbar ist.

Gemeinsam besuchen sie Bordelle und Lesungen. In Leipzig sehen sie Demenz Meyer, der einst die Akademie absolvierte. Demenz ist zu einem wichtigen Großautor geworden, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse. Sie lauschen seinem Dialekt.

„Wahnsinn, wie er die Worte verschleiert. Wie er sie abdeckt. Ich habe fast nichts verstanden.“

„Nichts ist gut oder schlecht“, sagt Lambert. „Weil ich gar nichts verstanden habe. Rein gar nichts. Ein großer Vorleser, der sich mit seiner Art des Vortrags unangreifbar macht.“

Sie lassen sich ihre Ausgaben vom Demenz signieren, geben sich aber nicht zu erkennen. Zu groß die Angst, der Respekt. Sie stehen vor einem, der das Ziel eines Rennens, an dessen Start sie gerade stehen, bereits erreicht hat.

„Hast du seine Brille gesehen? Diese Mischung aus Grünbein und Elstner. Wahnsinnig schön!“

Lambert und Gort trampen in Literaturakademie zurück. Noch wenige Wochen, dann werden sie ihre Abschlusskurzgeschichte abgeben müssen. Gort hat eine über Zombies in Seenot geschrieben. Sie wird nicht gut angekommen. Thema verfehlt. Gort kann es lesen. In seinem Inneren. Schließt er die Augen, weiß er, dass er versagt hat.

8.

Gort, inzwischen ein Meister des Alkohols, taumelt ins Vorzimmer von Professor Prompt. Seine Sekretärin schreckt aus ihrem Traum auf, in dem Prompt sie vor den Traualtar führte. Die Sekretärin, eine ehemalige Lyrikerin, liebt ihn seit sie selbst die Akademie besuchte.

Sie klopft die Asche von ihrer Zigarette und fragt: „Sind Sie Gort?“

Gort nickt, sucht nach dem Mülleimer, findet ihn und übergibt sich.

„Ich merke schon“, sagt die Sekretärin, „da will sich einer in die höchste Liga trinken.“

Nein! So ist es nicht. Sie weiß nichts. Gar nichts. Gort trinkt, weil er unglücklich ist. Wirklich unglücklich, nicht in einem gespielten literarischen Sinne unglücklich. Und deshalb will er auch so kurz vor den Prüfungen Professor Prompt sprechen.

Die Sekretärin führt ihn ins Büro und hilft ihm beim Hinsetzen.

Prompt steht am Fenster und sinnt. Er sucht nach den richtigen Worten für einen Satz in seinem neuen Roman über einen einsamen Schweizer, der in den Bergen sein Gedächtnis verliert. Auf sich gestellt muss er wieder zur Sprache finden.

„Das wird ein großes Sprachkunstwerk“, hatte Prompt seiner Frau erklärt. „Es könnte der Roman schlechthin werden. Der Roman aller Romane. Der Ur-Roman. Der Roman, nach dem die Alchemisten aller Zeiten gefahndet haben. Ein Roman, der sich seine eigene Sprache erfindet, weil sein Protagonist eine völlig neue Sprache hervorbringt. Hör zu: Klarswust, dachte Bille. Walspurgsnust. Noch verstand er sich selbst nicht. Aber er wurde sich allmählich bewusst, was es bedeuten könnte, wäre er nur in der Lage es mit Sinn zu füllen.“ Strahlend hatte Prompt es vorgetragen. Seine Frau, die leise schnarchte, war hochgeschreckt und hatte gerufen: „Großartig. Mindestens der Büchner-Preis. Mindestens.“ Dann war sie erschöpft wieder in sich zusammengesunken. Es war nicht leicht, mit einem Schriftsteller verheiratet zu sein. Nicht leicht …

Gort räuspert sich.

Prompt zuckt zusammen. Das Traumgehäuse mutiert im einströmenden Sonnenlicht zu kleinen tanzenden Staubflusen.

„Ah, einer meiner besten Studenten. Gort, ja, Mann, wenn Sie erlauben, dass ich Sie so salopp anspreche, Sie werden es weit bringen. Weiter als ihr alter trauriger Professor, der noch immer verzweifelt davon träumt, ein Sprachkunstwerk zu schaffen, das bleiben wird. Darum geht es doch. Dass wir etwas von bleibendem Wert schaffen. Etwas, das vor der Ewigkeit bestehen kann, nicht wahr Gort?“

Gort, nervös, hat neben einer seiner Kettenzigaretten noch seine Pfeife angezündet, nicht die Pfeife, selbst in den Gedanken, die er sich macht, stolpert Gort über seine sprachlichen Ungenauigkeiten. Er hat sich den Tabak angezündet. Der kleine Ballen glimmt, Gort zieht an der Pfeife und saugt den Rauch in seinen Mund, ihn durchwühlend und kauend, bevor er ihn ins Arbeitszimmer Prompts stoßweise entlässt.

„Es geht mir um meine sprachlichen Ungenauigkeiten“, sagt Gort. „Sehen Sie, Professor, eben erst dachte ich, dass ich meine Pfeife anzünde, was so nicht stimmt. Ach ja, die Sprache kann so viel mehr sein. Sie kann uns träumen …“ Gort unterbricht sich und lässt seinen Blick schweifen, während er darüber nachdenkt, dass er seinen Blick schweifen lässt. Den Blick schweifen lassen. Ein abgeschmacktes Bild. Schon so oft benutzt, dass es jeglichen Geschmack verloren hat.

„Ich werde die Akademie verlassen!“ Jetzt ist es raus. Gort hält die Luft an.

Prompt meint, sich verhört zu haben. Einer seiner besten Studenten.

Niemals!

„Warum würden Sie das tun wollen? So kurz vor dem Ende. So kurz vor der Abschlussarbeit.“

„Weil ich nicht der bin, den Sie in mir sehen. Ich stecke voller sprachliche Ungereimtheiten. Aus Chaos. Ich will Unterhaltungsromane schreiben. Ich will die Unterhaltung neu definieren. Und … ich will Leser erreichen. Viele. Wenn möglich, sogar ein Millionenpublikum.“

Prompt muss an sich halten, um sich nicht einem Husten hinzugeben.

„Sehen Sie sich um, Gort, sehen Sie genau hin, die Porträts von Thomas Mann und Goethe an den Wänden. Wollen Sie diesen Männern nicht folgen.“

Gort schüttelt traurig den Kopf.

„Nein, das möchte ich nicht. Schlimmer noch, ich finde sie langweilig. Ich will das Leben leichter machen. Will ein schreibender Clown werden.“

„Ein Clown. So etwas würde Ihnen der Betrieb niemals durchgehen lassen. Denken Sie an Ihre Eltern. Ihr armer Vater, er wird einen Herzinfarkt erleiden. Er wird einen Schlaganfall bekommen. Schlimmeres.“

„Weil ich weiß, wie sehr ich allen damit schade, will ich ja gehen. Diesen Weg kann ich nur alleine gehen. Am besten unter Pseudonym.“

9.

Gort hat die Akademie tatsächlich verlassen. Er wohnt inzwischen in Köln und nennt sich Tom Reis.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schreibt er fürs Fernsehen. Die Texte werden ihm aus der Hand gerissen. Niemand weiß von seiner Vergangenheit als ernsthafter Literat. Das würde alles gefährden. Es könnte alles zerstören.

Er schreibt an seinem ersten Comedy-Roman über die Nöte eines Dreißigjährigen in Köln. Lauter flache Witze. Er weiß, er muss erst mal Fuß fassen. Sein Buch muss ein Erfolg werden.

Seine Eltern haben ihn besucht. Sein Vater hat kaum mit ihm geredet.

Er lässt sich auf seine Beziehung mit einer Komparsin ein. Sie ist die ideale Partnerin. Sie spielt die meiste Zeit Leichen in Krimivorabendserien. Sie lebt, was sie arbeitet. Niemand liegt so gekonnt und abwesend herum. Gort-Tom nennt sie: „Meine schöne Leiche.“ Gespräche sind der schönen Leiche ein Graus. Sie will herumliegen. Gort-Tom lässt sie.

Ein Brief von Prompt trifft ein, den Gort-Tom lange in der Hand hält. Sollte er ihn lesen? Besser nicht. Er wirft ihn bei Morgengrauen in einen Kanalschacht. Streicht sich eine Träne aus dem Gesicht.

Gort-Tom zweifelt. Ja, das tut er. Manchmal liest er heimlich das Feuilleton im Internet. Er wird zum Perlentauchersüchtigen. Die wichtigen Romane, wenn auch kaum mit Verkäufen gesegnet, werden vielleicht bleiben. Er dagegen wird ein Wind sein, der durch das Zimmer jagt. Ein Wind, der nach seinem Verschwinden von anderen Winden abgelöst werden wird. Ein Wind, der verschwindet.

Täglich sitzt er am Computer und schreibt. Von acht Uhr am Morgen bis siebzehn Uhr am Abend. Er wird zu einem Werktätigen des Schreibens. Die Sätze werden geschliffen, bis der Kern von ihnen bleibt. Die Leser wollen nicht überfordert werden. Er denkt hauptsächlich noch als Konsument.

Schließlich beendet er seinen ersten Roman nach drei Wochen harter Arbeit. Nebenher die Dialoge fürs Fernsehen.

Die schöne Leiche hat seinen Heiratsantrag angenommen. Er vermutet es. Sicher sein kann man sich bei ihr nie. Sie, die Rätselhafte, hat auf dem Bett gelegen und in die Luft gestarrt.

„Willst du?“

Die Leiche starrte in die Luft.

„Ja?“

In die Luft.

„Ich deute es mal als ein Ja, ja?“

In die Luft.

„Gut!“

10.

Zehn Jahre später. Tom Reis ist der KING OF COMEDY. Die Nummer Eins unter den Bestsellerautoren. Die schöne Leiche hat ihm sieben schweigende Kinder geboren. Seine Familie liegt die meiste Zeit über in ihren Betten. Die Kinder wollen alle ins Filmgeschäft. Als Leichen.

Reis hat sich eine Geliebte zugelegt.

Reis absolviert 360 Lesungen im Jahr. Er ist reich, unglücklich und auf dem Höhepunkt seines Schriftstellerdaseins, als er im Fernsehen einen Bericht über die Gruppe 47 sieht.

Tränen stehlen sich in seine Augen. Er, der längst nicht mehr raucht, der Tee trinkt, erinnert sich voller Wehmut daran, was er hatte werden wollen.

Alle hat er enttäuscht. Seine Mutter, seinen Vater, sich. Sich nicht! Oder doch?

Die Tränen laufen hemmungslos. Sie brechen aus ihm heraus, als wäre er eine Wolke. Er regnet in sein Wohnzimmer. Für Momente wünscht er sich, so weinen zu können, dass alles in seinen Tränen ersäuft. Eine Sintflut aus Tränen.

„Tom!“

Reis kann es zunächst nicht glauben. Seine Frau hat ihn angesprochen. Die Leiche kann reden. Unmöglich. Ein Wunder muss geschehen sein.

„Tom!“

Er wischt sich die Nässe aus dem Gesicht. Wie ein Schleier kleben die Tränen auf seinen Augäpfeln.

„Ja?“, sagt Reis. Er blickt sie hoffnungsfroh an. Das ist ein Zeichen. Eindeutig ein Zeichen.

„Könntest du woanders weinen?“, fragt sie.

„Wo … an …“, stottert Reis.

Hängenden Kopfes stemmt sich Reis aus seinem Schreibtischstuhl nach oben. Morgen wird er wieder los müssen. Seine Frau, die Kinder und die Geliebte lieben ihn nicht.

Er hat sein Leben in den Sand gesetzt. Hat alles falsch gemacht. Er ist ein erfolgreicher Loser. Einer von vielen.

Reis trottet ins Kinderzimmer und öffnet das Fenster, um zu springen.

Umständlich müht er sich aufs Fensterbrett und blickt in die Ferne. Die Stadt liegt wie ein elektrischer Sternenhimmel vor ihm.

Reis erinnert sich an ein Gespräch mit Professor Prompt.

„Was machen Schriftsteller, mein Junge?“

„Sie schreiben.“

„Nein, Gort, das kommt nachher. Sie träumen. Sie erfinden. Sie spielen ein Stück, das aus ihnen wächst. Sie improvisieren.“

Reis, der seinen Namen innerlich abschüttelt, steigt vom Fensterbrett.

Ich muss mich erfinden, denkt Gort. Ich werde improvisieren. Kein Zwang mehr, sondern ein Leben im Spiel. Ich werde die schöne Leiche und die schönen Leichenkinder verlassen, um mein Leben zu spielen.

Und ich werde NUR noch schreiben, wenn es im Spiel geschieht.

Diese großen Gedanken verwirren Gort. Er macht einen ausladenden Schritt und erwischt aus Versehen mit dem rechten Fuß das Skateboard.

Wie ein Artist überschlägt er sich und landet auf dem Rücken, nicht ohne sich vorher den Kopf am Schreibtisch gestoßen zu haben.

Gort ist augenblicklich tot.

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