Im Afrika des Weltalls

James Tiptree junior war seiner Zeit voraus. Nicht die schlechteste Voraussetzung, schreibt man Science-Fiction. Tiptree hieß im bürgerlichen Leben Alice B. Sheldon, eine Frau, die sich, um aus ihrer Haut zu schlüpfen, einen Avatar zulegte, dem sie den Namen einer Marmelade, eben Tiptree, gab.
Die SF jener Jahre war männlich dominiert, wenn auch im Aufbruch begriffen, was einer Gattung, die von Sternenfahrten und Entdeckungsreisen berichtet, ein Grundgesetz sein sollte. Aufbruch muss eine ihrer Fundamente sein, so wie alle wichtigen SF-Romane auch nie von der Zukunft, sondern stets und immer von uns im Allgemeinen wie im Besonderen erzählen.

Das Fremde ist das Großthema des Avatar Tiptree. Fremd irrt sie als Frau durch eine von Männern dominierte Welt, schwirrt sie durch ein Weltall aus Aliens, die auf Rennplätzen und Häfen arbeiten, so wie die Außerirdischen oder Menschen in Tiptrees Kurzgeschichten und Erzählungen, die ein Leben lang die ihr genehmsten Formen blieben, auch wenn der Ruhm sie dazu zwingen wollte, einen Roman auszustoßen.

Alice B. Sheldon wurde am 24. August 1915 in Chicago, Illinois als Tochter von Mary Hastings Bradley und Herbert Bradley geboren. Durch die Reisen mit ihren Eltern nach Afrika, Indien und Asien wurde Alice früh mit dem Thema ihrer späteren literarischen Suchbewegungen konfrontiert: dem Fremden. Alles fand sie hier vor: Das Entdecken des Andersartigen, das Verstehen und Missverstehen, und in deren Gefolge, Unwägbarkeit und Tod.

Eine frühe Ehe mit einer byronschen Dichtergestalt, dem Schriftsteller William Davey, zeigte ihr die Grenzen auf, die zwischen Mann und Frau lagen, die Gewalt, die unvermittelt in ein Klima der Kultur einbrechen kann. Nach sechs Jahren ließ sie sich scheiden und heiratete Huntington Sheldon, der den zweithöchsten Rang bei der europäischen Sektion des damaligen US-amerikanischen Geheimdienstes bekleidete.

Erst spät, 1952, schlüpfte Sheldon in die Rolle des SF-Autoren James Tiptree junior, der ihr die Möglichkeit bot, aus ihrem gewohnten Lebens- und Körperumfeld zu fliehen, um als Mann zu einer Ausdrucksstärke zu finden, die bis dahin den Frauen nicht zugänglich schien, weil nicht schick, nicht erwünscht, weil nicht im Machtinteresse einer von Männern dominierten Welt.
Der bekannte SF-Autor Robert Silverberg war sich sicher, dass die maskuline Schreibe Tiptrees nicht von einer Frau stammen konnte.

Der Septime-Verlag hat nun Band 4 „(Doktor Ain“) seiner „Erzählungen in 7 Bänden“ herausgebracht. Wunderlich mutet es an, in einer Zeit, die, wie kaum eine vor ihr, der Schnelligkeit und dem Konsum huldigt, einen Reigen von Büchern erscheinen zu lassen, die neben den üblichen Genrefanverdächtigen nach einer Leserschaft fahnden, die es sich gefallen lässt, Herz und Hirn bei der Lektüre lodern zu lassen. Umso heftiger muss der Applaus derer ausfallen, die diese Verlagsarbeit schriftlich oder mündlich zur Kenntnis nehmen.

„Doktor Ain“ offeriert die frühen humorvollen Geschichten von Tiptree, die stets im Afrika des Weltalls operieren, in einer Sprache, die – melodiös knapp – genau darum weiß, wie Sound erzeugt werden muss. Die Taktschläge der Trommeln in der inneren Nacht Tiptrees geben ihr den Rhythmus vor, in dem sie uns in den Strudel von Ereignissen reißt, die nie erklärt werden müssen, denn Fremdheit soll dem Leser (k)ein Fremdwort bleiben. So tastet man sich lesend in den Dschungel des Dargestellten, umschwirrt von seltsam anmutenden Wortwespen, deren Körper den Wörtern unserer Welt zu gleichen scheinen.

In der Erzählung „Geburt eines Handlungsreisenden“ berichtet Tiptree von dem Zollbeamten einer interplanetarischen Verladestation, der zu surrealen Entscheidungen gezwungen ist, die über Krieg oder Frieden in einer weitentfernten Galaxie entscheiden können.
Tiptree verschiebt den ihr bekannten Alltag auf eine Ebene, die die Absurditäten unseres eigenen Lebens erst offensichtlich machen. Weit daneben geschrieben, um zu treffen.
Die Geschichten „Hilfe“ und „Mutter kommt nach Hause“, gespickt mit Erfahrungen aus Sheldons eigenem Lebenskosmos, erzählt von einem CIA-Büro, das eigens für den Fall einer Landung von Außerirdischen gegründet, plötzlich mit einer solchen Ankunft konfrontiert wird. Auch hier zerrt Tiptree die Wirklichkeit ins fiktive Geschehen, seziert sie den „Kalten Krieg“ ebenso wie den Umgang mit den Afroamerikanern, die dereinst aus Afrika verschleppt wurden. Realismus im Kleid der überbordenden Fantasie, um Literatur als einen Avatar zu benutzen, der es einem ermöglicht, das Unaussprechliche mit den Mitteln der Sprache sichtbar zu machen.

Schließlich (unter anderen) noch die titelgebende Story „Doktor Ain“, in der es um nichts geringeres wie den Weltuntergang geht. Sheldon schrieb während der Arbeit an einen Freund, sie sei deprimiert über die Umwelt gewesen, säße jetzt aber an einer Story „über einen Mann, der ALLE umbringt, danach werde ich mich besser fühlen.“ Literatur als Rauschmittel und Eigentherapie.
Weit daneben geschrieben, um zu treffen. Im Notfall sich selbst.

Am Ende blieb Sheldon die selbstbestimmte Autorin, die den letzten Punkt ihrer Lebensgeschichte durch einen Selbstmord setzte.
Wirklichkeit kann das sein, was wir wirken lassen. Literatur kann uns ein Boot sein, um die Flüsse des Afrika in uns und um uns herum zu erfahren. Bei Tiptree waren es keine Boote, sondern Raumschiffe.

ain

James Tiptree junior, Doktor Ain, Septime Verlag, geb. mit Schutzumschlag, Lesebändchen, 12,5×19,5, 472 Seiten, Preis: € 23,30 [D], € 23,90 [A], ISBN: 978-3-902711-23-6

 

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