Die kalten Finger des Herrn Tod

„Nadja kocht. Sie kocht vor Wut. Ich hätte sie abermals des Nachts nicht befriedigt. Um mich abzulenken, schlug ich unseren Sohn Arkadi. Sollten meine Tagebücher dereinst veröffentlich werden, bitte ich schon jetzt um Nachsicht. Dies waren Zeiten, in denen man Arkadi schlug. Nicht nur ich schlage ihn, sondern auch die gesamte Nachbarschaft, die, will sie sich abregen, bei uns anklopft, mit der Bitte, Arkadi schlagen zu dürfen. Der arme Junge. Er tut mir leid. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, trank ich Wodka. Der Alkohol ist die letzte Hilfe, die man sich holen kann, vor allem hier in der Einöde, in diesem Dorf, in dem Menschen leben, die von der Natur verroht wurden. Von Moskau vergessen, kam es erst gestern aus Langeweile zur Gründung eines Chors. Wie tief wollen wir denn noch sinken?“

„Meine Füße fühlten sich nach meinem Marsch durch den Wald klamm an. Nadja meinte, sie wären erfroren. Unsinn, erwiderte ich. Um mir das Gegenteil zu beweisen, hackte Nadja sie mir ab. Kein Blut. Nichts. „Haha, siehst du, Nadja, ich habe nicht einmal etwas gespürt.“ Anschließend trugen Nadja und Arkadi mich ins Bett. Die Stümpfe brannten sie vorsorglich aus. Schrieb während der Prozedur an meinem Roman weiter, den ich Ende des Monats an meinen Verleger Sergeij nach Moskau senden werde, der, so schrieb er mir in seinem letzten Brief, sich bei einer Sängerin die Syphilis geholt hat. Der Glückliche. Welch eine Auszeichnung, ist die Syphilis doch nur den wahrhaft großen Geistern unter uns vorbehalten.“

„Seit Nadjas Amputation friste ich ein Leben im Bett. Will ich draußen Holz holen, muss Arkadi mich tragen. Auf seinem Rücken ist es so gemütlich, dass ich inzwischen sogar nachts darauf schlafe. Beim Verkehr mit meiner Gattin stört er zwar etwas, aber ich lass mich da nicht irr machen. Um mich von meinem schweren Los abzulenken, nehme ich seit einigen Tagen an den Proben des Chors teil. Wir singen in Ermangelung von Noten und Texten keine Lieder, sondern ahmen das Heulen der Wölfe nach. Noch keine Post von meinem Verleger Sergeij, der sich, so wurde mir berichtet, einer Operation unterzog und fortan Irina gerufen werden will.“

Aus „Die kalten Finger des Herrn Tod“, Tagebücher des Dimitri Verscenko

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