Aus meinem Tagebuch

Sonntag, 16. März 2014

Das Leben eines Schriftstellers ist die Hölle. Was wissen die Leute schon davon? Überall Buchstaben, große, kleine, alle aus Holz geschnitzt. Echte Handarbeit. Und jeden Tag fahre ich los und versuche sie an den Haustüren loszuwerden. (Haustürgeschäfte laufen besser. Denn Haustüren wird man wenigstens hin und wieder los. Aber Buchstaben …) „Sehen Sie sich dieses A an. Sie könnten es im Wohnzimmer aufstellen.“ – „Kein Bedarf“. Und schon knallt die beim letzten Haustürgeschäft erworbene Tür ins Schloss. Heute ist Sonntag. Ein Tag der Ruhe. Vermeintlich. Die Mägen meiner Kinder rebellieren. So viele Kinder. Sie sind überall. Achtzehn, nein, es sind laut einer letzten Zählung sogar dreiundzwanzig Kinder. Ich hätte in Leipzig sein sollen, um mir die neusten Buchstaben anzusehen. Der Markt ist am Einbrechen. Vielleicht fehlte ich deshalb. Der neuste Hit sind elektronische Buchstaben, die auf Bildschirmen erscheinen. Meine Frau macht in Hartz IV. Auch kein Job, bei dem man reich wird. Ich werde jetzt frühstücken. Frühstücken ist der Versuch, bereits am frühen Morgen zu stücken. Nicht zerstückeln. Dafür sind die Serienmörder zuständig. Stücken bezeichnet die Methode, sich Stück für Stück durchs Leben zu bewegen. Erst ein Stück Brot, anschließend ein Stück Lektüre, danach ein Stück Atemzug. Alles nacheinander. Stück für Stück. Eine alte, aus dem Buddhismus stammende Methode der totalen Konzentration auf ein Stück Leben.

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