T reist zur Behandlung nach Deutschland

„Ost doch scheiße“, sagt T.

„Ist“, verbessert ihn sein Trainer.

Immer muss mich der Trainer verbessern, denkt T und nippt an seinem Kaffee, den ihm seine Mutter vor der Abreise vorbereitet hat. Sie hat ihn in einen Becher gefüllt und ihn darauf hingewiesen, dass er blasen muss, um sich nicht die Zunge zu verbrennen. Mit dem Becher in der Hand ist er zum Bahnhof, er und sein Trainer, der sein Gepäck getragen hat. T konnte ja nicht, des Bechers wegen. Mit dem Becher ist er zum Bahnsteig gehetzt, weil sie viel zu spät dran waren. Dann rein ins Abteil und schon schoss der Zug mit 380 Sachen aus dem Bahnhof. Und nun sind sie unterwegs zur Behandlung nach Deutschland.

„Ich dachte, wir wohnen in Deutschland“, sagt T zu seinem Trainer.

„Zerbrech dir mal nicht den Kopf und trink deinen Kaffee, T!“

T bläst und nippt. Er hätte, so denkt er, niemals Spitzersportler werden dürfen. Das hat er jetzt davon, die Hände sind kaputt vom vielen Spitzen.

„Müsstest du nicht den Becher halten?“, fällt T ein. „Meine Hände sind ja ganz kaputt vom vielen Spitzen.“

Der Trainer, der aus der Russland stammt, tut so, als würde er kein Wort verstehen.

T stellt den Becher, der zur Hälfte geleert ist, ab und steht auf, um sich die Füße zu vertreten.

„Mach mal einen kleinen Spaziergang“, sagt T.

Draußen vor dem Abteil ist eine Menge los. Markttag. Frauen verkaufen ihr Gemüse und ihr Schlachtfleisch. T muss sich dünn machen, um sich seinen Weg zu bahnen, bis ihn etwas an seinem Ärmel zupft.

„Bist du nicht T?“, fragt ihn ein kleiner Junge.

T lächelt verstimmt. „Willst wohl ein Autogramm, was?“

„Lieber nicht“, sagt der Junge. „Aber meine Mama hat gesagt, du könntest mein Vater sein.“

„Na, jetzt aber mal nicht unverschämt“, sagt T, „sonst bekommst du eins hinter die Löffel.“

„Was ist mit deinen Händen? Warum sind die Finger so verbogen?“

„Übertrainiert“, stöhnt T.

Bilder aus dem Trainingslager tauchen auf. T sieht sich beim Spitzen unzähliger Bleistifte. Neben ihm ein Heer aus angespitzten Bleistiften. „Du musst noch viel schneller spitzen!“, feuert ihn sein Trainer an.

Und jetzt?

Jetzt muss ich zur Behandlung nach Deutschland, denkt T. Das habe ich von meiner Sucht, ein Spitzersportler zu sein.

T packt dem Jungen ins Gesicht und drängt ihn zur Seite.

„Wo bin ich überhaupt?“

Erschrocken muss er feststellen, dass er sich vollkommen verlaufen hat.

Warum nicht, denkt T und steigt am nächsten Bahnhof aus, um in einer badischen Stadt ein neues Leben zu beginnen.

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