Die Hobbys der Deutschen (2)

Er müsse fit bleiben, erklärt uns Ingo Z., der bereits seit vier Jahren Stalker ist. „Das Stalking hat mein Leben gerettet. Ich hatte nach einer OP enorme Probleme mit der Atmung. Der Arzt sagte, Sie müssen Sport treiben, sonst landen Sie unter der Erde. Und so habe ich eben damit begonnen Gerlinde D. zu verfolgen.“ Wir liegen neben ihm im Gras. Es ist früher Morgen, als sich gegenüber eine Tür öffnet und eine Frauenkopf erscheint, der sich hektisch umsieht. „Da ist sie“, sagt Ingo und wischt sich einen Speichelfaden von der Unterlippe. Stalking ist zum Volkssport Nummer Eins unter den Irren geworden. Man geht davon aus, dass jeder dritte einsame Mann, der verwirrt ist, stalkt. „Leider gibt es keinen Verein.“ Ingo beobachtet sein Opfer mit einem Fernglas. „Ich stalke jetzt seit zehn Jahren. Wir kämpfen ja darum, dass man unsere Sportart anerkennt, aber bisher hatten wir keinen Erfolg. Ich könnte mir gut vorstellen, mit einer Stalkingmannschaft zu den Olympischen Sommer- und Winterspielen zu fahren.“ Gerlinde D. ist währenddessen wieder im Haus verschwunden. „Heute müssen wir das Training wohl ausfallen lassen.“ Ingo packt seine Sachen in einen Rucksack. „Enttäuscht?“ Ingo schüttelt den Kopf. Er sei nicht enttäuscht, er kenne das. Nicht jedes Stalkingopfer packe ihre Rolle auf Dauer. Das sei bereits sein siebtes Opfer. Manchmal habe er schon mit dem Gedanken gespielt, das Stalken aufzugeben, aber schließlich sei es sein Lebensinhalt. Er wisse gar nicht, was er sonst machen solle.

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