Der Unerwünschte

Der Unerwünschte. Da stand er. In Strumpfhosen. Und in einem T-Shirt, auf dem ein U prangte. Als hätte er sich verlaufen. Verfahren. Ein U wie der Hinweis eines Navigationssystem: Wenden Sie bitte bei der sich nächst bietenden Gelegenheit. Seine Eltern hatten den Unerwünschten losgeschickt. „Kauf etwas Wurst in Berlin“, hatten sie gesagt. Dabei wohnten sie in einem Kaff tief im Süden der Republik. „Was willst du?“, bellte ihn der Metzger an. „So einen wie dich können wir hier nicht gebrauchen!“ Der Unerwünschte sah sich mit seinen speziell ausgebildeten Augen um, die alles erfassten, was im Umkreis von einem Meter geschah. „Ich hätte gerne …“ Weiter kam er nicht. Eine aufgebrachte Menge, die sich selbst DER MOB nannte, stürmte den Laden. Man ersuchte den Metzger, ihnen augenblicklich ein Lynchjustizopfer auszuhändigen. Der grobschlächtige Kittelträger verwies sie auf den Unerwünschten. DER MOB musterte den Unerwünschten von oben bis unten. Man verzog das Gesicht. Nein, den wolle man nicht. Um nicht umsonst eingetreten zu sein, klemmte man sich den Metzger unter die Arme, um ihn auf dem Marktplatz einer dunklen Gottheit namens SELBSTGERECHTIGKEIT zu opfern. So kam der Unerwünschte zu seinem ersten und letzten Metzgereifachgeschäft.

„Wer ist das?“, fragte die Metzgereitochter die Metzgereimutter. Der Unerwünschte erklärte sich kurz. Er sei ein Sendbote der Moderne. Ein Superheld, den niemand wolle. Dann reichte er ihnen Bierschinken. Tochter und Mutter schüttelten den Kopf. Er sei hier unerwünscht, erklärten sie dem Superhelden barsch. „Ja, das bin ich“, erklärte der Unerwünschte. Ohne sich beirren zu lassen, arbeitete er weiter. Wurstscheibe auf Wurstscheibe schichtete er um. In der Ferne konnte man die Schreie des Metzgers vernehmen, der vom MOB hingerichtet wurde, indem man ihm Lieder der letzten DSDS-Staffel vorspielte. Nur selten musste man noch eine Folge von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ vorführen. „Ist das unser Vater?“, fragte die Metzgereitochter. Der Unerwünschte schüttelte den Kopf. Der sei er nicht, er könne es aber werden, wenn erwünscht. Er dachte kurz nach. „Lieber nicht!“, sagte er. „Ich bin der Unerwünschte.“ Sprach’s und sprang aus dem Laden auf die Straße. Vorbei die Zeit, da er dem Metzgereifachhandel hatte dienen müssen. Freiheit, lautete die Losung.

Der Unerwünschte stand auf der Straße. Die Straße war dafür bekannt, dass auf ihr Autos auf der Jagd nach Fußgängern fuhren. Minütlich wurde einer überrollt. Blut lief in die Kanalisation. Blut, als würde es aus Schläuchen laufen. Was es auch tat. Unentwegt quoll es aus menschlichen Schläuchen. Der Unerwünschte entsann sich seiner Kindheit in einem Taubenschlag. Tag und Nacht war er vollgeschissen worden. Die Tauben hatten ihn nicht als ihresgleichen anerkannt. Er war ein Fremder. Ein Unerwünschter. Dies war seine Geburtsstunde. Die des Unerwünschten. In den Nächten kratzte er sich den getrockneten Kot aus den Haaren und nähte an seinem ersten Superheldenanzug. Später, so schwor er sich, würde er als Erkennungszeichen für die Polizei ein Licht in den Nachthimmel werfen, eines in der Form einer kackenden Taube. Während neben ihm ein Mann totgefahren wurde, schwelgte der Unerwünschte in seinen Erinnerungen. Freiheit kann tödlich enden, dachte der Unerwünschte.

Der Unerwünschte strolchte durch Berlin. Eine Stadt, wie gemacht für einen Superhelden. Überall junge Leute. Schriftsteller, wohin seine Augen blickten. Die könnten ihn beschreiben. Könnten ihm ein Denkmal setzen. Ein Comiczeichner, das war es, was er brauchte. Einen, der ihn bannte, auf Papier, hinein in ein Heft. Der Unerwünschte stürmte mitten ins Getümmel. Ergab sich dem Lärm. „Wollt ihr mich beschreiben?“, fragte er eine Gruppe Autorinnen, die sich der Beschreibung einer Bank verschrieben hatten. Ein Beschreibungsdurcheinander. Alle beschrieben alle. Nur ihn wollte niemand beschrieben, ihn, den Unerwünschten. Sie drückten ihn fort. „Weg!“, forderten sie. Und so ging er gesenkten Hauptes der Sonne entgegen. Er überlegte, wo sie unterging. Dank seiner Schulbildung wusste er, dass es „dort drüben“ war. Seine ausgestreckte Hand zeigte es an. Wies den Weg. Die Zukunft lag in Gotham City.

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