Montag

Unser Wellensittich hält sich für einen Hund. Dumpfes Bellen aus dem Käfig. Knurren. Außerdem die Ausbildung scharfkantiger Zähne. Legte ihm probehalber ein Halsband und eine Leine an. Die Leute werden sich an den Anblick gewöhnen. Könnte ihn als Wachwellensittich vermieten.

Später Vormittag: Jede Generation hat vermutlich ihre Wenn-wir-alt-sind-Baby-Sicht. Hier meine Version:

Wenn wir alt sind, Baby,
werden wir alt sein.
Wir werden so alt sein,
dass wir nicht mehr sprechen,
wir werden nichts mehr rächen,
keine Verbrechen, die uns
angetan wurden,
keine Geburten
von Kindern, die uns jetzt
nicht mehr besuchen.
Wenn wir alt sind, Baby,
werden wir sabbern,
wir werden nichts mehr sehen,
wir werden verwehen,
wie der Wind, der an unseren Fensterläden rüttelt,
der sie schüttelt,
wie ich meinen verkümmerten Penis,
aus dem nichts mehr kommt,
nicht mal Urin.
Ein Spleen, wirst du sagen wollen,
dass ich immer schüttel,
sagst es aber nicht,
weil, wenn wir alt sind, Baby,
ist das Leby bald vorbei.
Wir werden genug zu tun haben,
wir müssen atmen, irgendwie,
müssen sitzen, irgendwo.
No, no, no!
Wenn wir alt sind, Baby,
werden wir uns daran erinnern,
wie es war, als wir jung waren,
wir werden denken, scheiß der Hund drauf,
so gut war das auch nicht,
wir waren nur jung, mehr nicht.
Wenn wir alt sind, Baby,
wird die Wohnung stinken,
der Tod wird winken,
wir werden Sorge haben,
wie wir den nächsten Tag erleben.
Eben darum geht es.
Durchhalten, die nächsten Minuten
verwalten, noch einen Gang runterschalten.
Falten im Gesicht.
Baby, wenn wir alt sind, kommt nichts,
außer dem, was war.
Das Leben schreibt keine Geschichten.
Das Leben kann nicht dichten.
Baby, wenn wir alt sind, sind
wir blind, wir sind das Rind
auf dem Schlachtblock des Todes.
Alt, Baby, heißt bald zu gehen.
Es wird nichts mehr stehen,
nicht mehr ER, nicht mehr ich.
Baby, wenn wir alt sind,
sind wir alt.
Wann das ist?
Bald!

Mittags: Ich werde beobachtet. Angst, aufs Klo zu gehen. Rase durch die Wohnung, um unscharfe Bilder zu provozieren. Schreibe keine Mails mehr. Telefoniere nicht. Stattdessen erste Versuche mit Rauchzeichen. Ärger deshalb mit dem Nachbarn. Wahnsinn! Er arbeitet also auch für die NSA. Trauer und Wut! (Wenn man das hier lesen kann, hat mein neues Codierungssystem versagt!)

Nachmittags: Nachmittagsschlaf wegen Reaktorstörung ausgefallen. Aufregung, bis man uns mitteilte, das Ganze sei ein Scherz der örtlichen Radioanstalt. Frage mich, wer so krank ist? Ließ beim Sender anrufen und hinterließ eine Bombendrohung. Räumung des Gebäudes. Schadenfreude, die in roten Flecken über meinen Körper läuft.

Über Motter: Motter sind nicht in der Lage, mit Meser und Gabel zu essen. Wir sollten sie aber deshalb nicht jagen und töten. Vielmehr sollten wir ihnen ein Bespiel sein, wie man mit Tieren umgeht, die eklig aussehen.

Abends: Dunkelheit trotz meiner Nachtphobie. Grummeln. Werde nicht mehr ernst genommen. Lachen überall. Selbst die Motter auf dem Dachboden bekommen sich nicht mehr ein. Rückzug als letzte Chance. Die Enge in unserem Einbauschrank lässt mich erstmals seit Wochen aufatmen.

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