Nebel – Der unabgeschlossene Nebelkurzroman

Nebel kroch über den Waldboden. An manchen Stellen bestieg er die Bäumen, sie umarmend, sie küssend, sie liebend. Ein erotischer Nebel, der den Sex, den er sich in dieser Nacht gönnte, genoss.

War man still, bat man, die Geräusche, die es sonst noch gab, ruhig zu sein, konnte man ihn keuchen und stöhnen hören. Dieser Nebel hatte es auf alles und jeden abgesehen. Ein unersättlicher Nebel, der Schwade für Schwade die Landschaft verschluckte, bis er plötzlich vor einer Hütte erschrocken verharrte. Er schnüffelte. Er spürte, dass hier etwas nicht stimmte. Diese Hütte war anders. Sie beherbergte etwas. Das Böse.

Der Nebel hätte aufgeregt mit den Wimpern geklimpert, hätte er welche besessen. Leider war dem nicht so. Wie oft hatte er schon davon geträumt, Wimpern zu haben. Und Augen! Augen, die sahen, was er mit seinen Armen und Beinen umschlang, die im menschlichen Sinne keine Arme und Beine waren, sondern nur aus Sicht des Nebels. Des blinden Nebels, der sich einredete, Arme und Beine zu haben, die er gar nicht hatte.

Es war alles sehr kompliziert. Der Nebel wusste um all die Dinge, die sein Leben verkomplizierten, aber er dachte nicht darüber nach, weil er kein Hirn hatte, auch wenn er sich das nicht eingestehen wollte.

Er wollte es nicht wahrhaben, dass er nur ein einfacher Nebel war, eine vorübergehende Erscheinung. Er kam und ging. Nie konnte er bleiben, und das machte ihn fuchsteufelswild. So wild und böse, dass er sich in die Treppe, die zur Hütte hinaufführte, verbiss.

Oh, du elende Treppe, dachte er, obwohl er nicht denken konnte.

Und die Treppe bäumte sich. Sie spürte den Biss. Dies alles geschah in einem mystischen Bereich, der den Augen von Menschen nicht zugänglich ist.

Wäre der Besitzer der Hütte jetzt vor die Hütte gekommen, er hätte nicht sehen können, was eben alles so feinfühlig beschrieben wurde.

Er hätte einzig Nebel gesehen, der alles einhüllte, der herumlag wie eine faule, fette Ratte. Ein Nebel, dem man auf die Sprünge helfen müsste.

Und während der Nebel die Treppenstufen allmählich zu Tode biss, machte sich im Inneren der Hütte ein Mann bereit, der Welt die Unschuld zurückzugeben, die sie vor Urzeiten verloren hatte.

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2 Gedanken zu “Nebel – Der unabgeschlossene Nebelkurzroman

  1. „Oh, du elende Treppe, dachte er, obwohl er nicht denken konnte.“ – Ich musste laut lachen. Sehr gute Texte übrigens!

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