Freitag

Und wieder eine Nacht überlebt. Das muss man erst mal schaffen. Nacht für Nacht die Albträume überleben, die einen heimsuchen, die einen tief ins Bett ziehen wollen, unter die Matratze, dort hinunter, wo die Unternacht beginnt, wo die Unterwelt anfängt und die Dämonen hausen.

In der Unternacht ist eine Menge los. Es wird gefeiert, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen, sondern man lässt „die Sau“ lustlos raus. Ohne Freude. Ohne Spaß. Das alles sind Fremdwörter dort unten. Mit hohlen Augen sitzen sie da und stieren nach oben auf die Matratzen der Menschen. Sie horchen auf unser Schnarchen. Auf unsere Liebesschreie. Unsere Gespräche. Auf diese kleinen, abgehackten Sätze, kurz bevor wir die Augen schließen.

Und wissen wir nichts mehr von uns und unserem Zimmer und der Welt, sind wir erst in den Schlaf wie auf einen Meeresgrund gesunken, strecken sie sich, nur ein wenig, um mit ihren Krallen über die Unterseiten der Matratzen zu streichen. Das ist ihre Art der Zärtlichkeit. Sie sehnen sich. Ihr Mäuler stinken nach Fäulnis, nach so vielen Gräbern, in denen die Toten zerfallen sind.

Hin und wieder findet sich einer unter ihnen, der mutig genug ist, einen Schnitt zu machen. Einer, der die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit aufhebt, der sie einfach so auftrennt. Langsam, fast zärtlich, schneidet sein Fingernagel, der rasiermesserscharf ist, in die Matratze, weil er hungrig ist und sich einen von uns holen will. Wir sind nur Futter für sie.

Am nächsten Morgen ist ein Mann oder eine Frau fort, irgendwo auf der Welt, verschwunden, als hätte es ihn oder sie nie gegeben. Und sein Partner wundert sich, ob er oder sie in die Küche ist, ohne zu wissen, dass er oder sie nicht mehr zurückkehren wird, weil er oder sie sich längst auf der dunklen Unterseite des Bettes befindet, tief unten, so weit unten, dass unsere Augen die Tiefe nicht ausloten können. Der Matratze ist nichts anzusehen.

Nur wenn man ganz still ist und Ohren dafür hat, kann man vielleicht ein Schmatzen und Knurren hören. Und das Klappern von Knochen. Aber besser ist es, wenn man es überhört. Wenn man es mit Alltagsgeräuschen überdeckt. Manchmal lebt es sich mit einer Lüge besser.

Guten Morgen, Welt!

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