Samstag

Es wird heute zu ausschweifenden Feierlichkeiten kommen.

Ich liebe Feierlichkeiten, ich liebe sie seit meinem zehnten Lebensjahr, in dem ich meinen Geburtstag zum ersten Mal feierte. Von nah und fern kamen sie, Menschen, die ich noch niemals zuvor gesehen hatte, die mir hart auf die Schulter schlugen, die mich in einer Sprache ansprachen, die mir ebenso fremd wie ihre Gebräuche war, bis sie sich entschuldigten und in der Nachbarwohnung verschwanden, um dort den siebzigsten Geburtstag ihres Großvaters Dimitri G. zu feiern, eines Mannes, der mir als Nachbar wegen seiner Fellmütze und des Esels, den er in seinem Wohnzimmer hielt, schon früher hätte auffallen müssen. Da saß ich dann, verloren wie ein Schaf, dessen Herde ihn im Stich gelassen hatte, und das wegen eines dem Tode geweihten Mannes, der nicht wusste, dass er bereits vor zehn Jahren sein Heimatland verlassen hatte. Ich saß und schmollte. Gerade ich, der für Feierlichkeiten wie geboren schien, sollte meinen zehnten Geburtstag allein verbringen. Meine Eltern waren ausgegangen, um mich und meine russischen Freunde nicht zu stören, wie sie sagten. Es war ein Tag, der an Tragik kaum zu überbieten war. Vielleicht stieg ich deshalb später für einige Jahre professionell ins Feiergeschäft ein. Ich organisierte die Geburtstage von wildfremden Leuten, die ich mit meinem Team überfiel. Da saßen wir dann und jauchzten – bis die Polizei kam. Schöne Jahre.

Guten Morgen, Welt!

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