Der Drogenbaron (Der abgeschlossene Kurzkrimi)

Mama erzählt: Bevor dein Vater dich zeugte, war er ein berühmter Detektiv. Er war so berühmt, dass er nie das Haus verlassen konnte. Überall standen Fotografen, um ein Bild von ihm zu schießen. Und weil er das Haus nie verließ, verblasste allmählich sein Ruhm. Er löste ja keine Fälle mehr. Nicht einen.

Um sich abzulenken, schmuggelten wir ihn in einem Koffer an den Flughafen. Wir buchten ihm einen Flug nach Teneriffa.

Als er dort ankam, schwitzte er so fürchterlich, dass er sich wünschte, nie sein Haus in Osthessen verlassen zu haben.

Er fuhr mit einem Taxi vom Flughafen zum Hotel.

„Ich möchte ein schattiges Zimmer.“

Man gab ihm ein Zimmer, das im Schatten eines Krematoriums lag. Tag und Nacht verbrannte man dort die Leichen. Der Gestank setzte sich in seine Nase, bis er der Meinung war, die Toten sprechen zu hören.

Nach drei Tagen fühlte er sich derart von den Toten belästigt, dass er sich in die Hotelhalle setzte, um die dort ausliegenden Zeitungen zu studieren. Leider konnte er kein Spanisch, sodass er sich Inhalte ausdachte.

Die Berichte drehten sich meist um Mord und Totschlag. Es juckte ihn in den Fingern. Er wollte einen Fall lösen. Detektive müssen das, dachte er.

Er drehte seinen Kopf und verdächtigte augenblicklich den Empfangschef, ein weltweit gesuchter Drogendealer zu sein. Um seine Theorie zu untermauern, beschattete er den ahnungslosen Mann fortan Tag und Nacht.

Am Abend fuhr der Empfangschef nach Hause zu seiner Frau, die in einem kleinen Haus am Rand der Hauptstadt wohnte. Die Tarnung des Empfangschefs schien perfekt zu funktionieren. Niemand verdächtigte ihn, niemand ahnte, dass in seinen Blutbahnen das Böse tobte. Nur dein Vater wusste davon.

Er mietete sich zur Untermiete bei dem Empfangschef ein, der so tat, als würde er den Gast aus Zimmer 23 nicht erkennen.

Um näher an den Drogenboss heranzukommen, lud sich dein Vater selbst ein.

Er tat so, als sei er kurz vor dem Verhungern, obwohl er das gar nicht war. Er hatte einen Rucksack voller Süßigkeiten dabei.

Sie sahen sich gemeinsam Fußballspiele an. Dein Vater wartete den idealen Moment ab, um den Drogenbaron verhaften zu lassen. Aber noch fehlten ihm die Beweise.

Allmählich ging ihm sein Geld aus. Er rief mich an und ich überwies ihm dreihundert Mark, die er in Drogen anlegte, um sie dem Drogenbaron unter das Kissen zu stecken. Dann rief er die Polizei. Man fand die Drogen und verhaftete den Mann, der nicht wusste, was er gemacht haben sollte. Dein Vater war mehr als zufrieden, endlich wieder einmal einen Fall gelöst zu haben.

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