Samstag

Ich habe lange geschlafen. So lange, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, welchen Tag wir haben. Ist heute Samstag? Das hieße, ich hätte, meine Finger rechnen aufgeregt nach, zehn Stunden geschlafen. Zehn Stunden, die mir fehlen, von denen ich nicht weiß, was in ihnen geschehen ist.

Panik! Rasch renne ich durch den engen Flur, ein Flur, lang wie ein Tunnel, ein Flur, nicht dazu gemacht, dass ihn Menschen meiner Größe benutzen, dass ihn überhaupt Menschen durchqueren. Ich quetsche mich an der Fotografie entlang, die meine Frau und mich beim Bestellen des Flurs zeigt. Was hat uns damals geritten? Im Hintergrund ist es zu sehen. Ein kleiner Teufel, der lachend auf einer der Schränke des Flurmaurers steht und in die Kamera winkt. Wie konnte er nur? Ob es ihn noch gibt? Noch siebzehn Meter, dann liegt der Flur wie ein Darm hinter mir. Menschen sind nicht dazu geschaffen, durch Därme zu kriechen. Wir sollten ihn bei Gelegenheit abreisen lassen. Reisen Därme überhaupt, und wenn ja, welchen Ort sollte ich ihm vorschlagen? Ha, er muss gar nicht reisen, es lag alles an einem Schreibfehler. Wir müssen ihn abreißen lassen, ohne uns in teure Reisekosten stürzen zu müssen. Erleichtert verharre ich, obwohl ich kaum noch Luft bekommen, Luft, die notwendig ist, um das Blut mit Sauerstoff zu versorgen, das Hirn, die Hände, die Beine, die bereits eingeschlafen sind. Hey, ihr da, wach werden! Ich zwicke sie mit einem speziellen Beinzwicker, den mein Vater früher für sein linkes Auge benutzte, das ihm hin und wieder einschlief. „Immer dieses linke Auge“, jaulte er. „Es schläft mir ein, egal wo ich bin, selbst beim Schlafen schläft es zuerst ein, sodass mein rechtes Auge noch Stunden wach liegt, weil die Synchronität nicht gewahrt wurde.“ Dabei hängt von ihr alles ab, von der Synchronität, die verlangt, dass stets beide Sonnen untergehen, beide Monde aufgehen. Aber finden wir das in der Natur? Nein, da muss es uns nicht wundern, dass es mit der Welt bergab geht.

Noch ein halber Meter. Ächzend lasse ich mich vom Hausmeister unserer Autoren-Villa in den Wohn- und Tonbereich zerren. Geschafft. Ich klopfe mir den Mörtel vom Schlafanzugjackett und lasse den Schreibtisch anwerfen. Keine fünf Sekunden später wirft er ein Gedicht aus, während ich die Nachrichten studiere. Wahnsinn, was in den zehn Stunden, die mir niemand mehr zurückgeben kann, alles geschehen ist.

Guten Morgen, Welt!

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