Samstag

Ich liebe es, durch den Regen zu tanzen. Der Fuß, der linke, er muss vorsichtig nach vorne geschoben werden, hinaus aus der Umgrenzung des Regenschirms, hinaus in die Unwirtlichkeit der Regenwelt. Hat man seinen Schuh einweichen lassen, schlägt man für Sekunden den Schirm zur Seite, man reißt sich das mobile Dach vom Kopf, setzt sich den Einschlägen aus, die wie tausend Gewehrkugeln auf einen niederprasseln. Getroffen fällt man zu Boden, man wälzt sich durch eine Pfütze, aufschreiend, ist man doch durchsiebt, ist man doch ein Opfer, das von den Scharfschützen des Himmels soeben hingerichtet wurde. So geht er, mein Regentanz, der eine Verbeugung vor den vielen Kriegsopfern dieser Welt ist.

Ich tanzte ihn oft bei Familienfeiern, die uns alle draußen stehen und auf Regen warten ließen, wollte man meine Sterbezeremonie doch sehen, so viel war schon darüber erzählt worden, über meinen geöffneten Mund, der einzelne Tropfen auffing, von meinem zuckenden Körper war berichtet worden, der sich ins Jenseits vibrierte, bis ich schließlich meine Auferstehung feierte, patschnass, aber glücklich, mich unter den Schirm retten zu können.

Mein Regentanz hat nicht allen Freude gemacht, in Südhessen, ich kann mich an eine lange Regenperiode erinnern, nahm man es mir übel, ja, man warf mir vor, die Sorgen und Nöte der Leute in den Schmutz zu ziehen, weil ich, neben ihnen stehend, die sie weinten und zitterten, trotzdem meinen Tanz aufführte, und das, obwohl der Regen bereits ihre Häuser fortgeschwemmt hatte. Andere Landstriche wiederum luden mich als Regenmacher ein, sie hofften, würde ich den ersten legendären Schritt wagen, käme auch der Regen, er würde es sich nicht nehmen lassen, die Schlaglöcher zu füllen, damit ich darin treiben könnte, wie eine Leiche, ich, der Regentänzer, der dem Regen zu Ehren einen so wundervollen Tanz entwickelt hatte, dass er sich sehen lassen musste, besaß er einen Rest von Anstand.

Ich spielte in Filmen, mit meiner Partnerin Ginger Rohm (Name geändert). Wir durchtanzten so manchen künstlichen Regen, sei es einer in Rom, sei es der auf einem fernen Planeten. Besonders hat sich mir der Film „Regen auf dem Mars“ eingeprägt, in dem ich einen tanzenden Astronauten spiele, der auf dem Mars landet und feststellt, dass, wenn es mal regnen würde, sich aus dem Marsstaub ein Mädchen formen würde. Alles sehr wirr und verworren, und der Film wurde zurecht ein Flop, auch wenn ich die Szene liebe, in der Ginger und ich über die Marsoberfläche sausen, jeder Schritt synchron mit dem des Partners, und das im Regen, der den Mars allmählich überschwemmt, nicht ohne zuvor zahllose Marsmädchen aus dem Staub entstehen zu lassen, die sich uns nach und nach anschließen, bis wir schließlich alle über die Marsoberfläche tanzen, ein Heer aus Tänzerinnen, sodass der Planet sein Gleichgewicht verliert und aus seiner Umlaufbahn kippt, um verloren ins Weltall zu treiben. Möchte ich freundlich sein, würde ich hier von einem gewagten Drehbuch sprechen, und ich bin freundlich, bin und bleibe der Tänzer, der ich seit vielen Jahren bin.

Guten Morgen, Welt!

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