Donnerstag

Hauptsache leben. Das war stets die Devise meines Vaters, jenes merkwürdigen Herrn aus Brügge, der es sich nicht nehmen ließ, überquerte eine alte Dame die Straße, sie daran zu erinnern, fleißig von links nach rechts zu sehen, zumal bei dem Verkehr. „Sie wissen ja, gnädige Frau, was da alles passieren kann.“

Das Leben war ihm ein wundervoller Ort für die Lebenden. Tote konnte er nicht ausstehen, im Gegenteil sogar. Er jagte sie mit einer Leidenschaft, die fast schon krankhaft genannt werden muss, also jene Toten, die es sich nicht hatten nehmen lassen, als Untote auf die Welt zurückzukehren. Mit einem Kruzifix, diversen Weihwasserspritzpistolen und einer silbernen Kugel ging er Nacht für Nacht auf die Pirsch. Er versteckte sich in der Nähe des Dorfplatzes, jenes Versammlungstreffpunkts, der am Tag von Hausfrauen und trunksüchtigen Jugendlichen frequentiert wurde, um die Untoten von ihrem schäbigen Dasein zu erlösen. Geschickt wie er war, trafen seine Weihwasserschüsse direkt ins Schwarze und enttarnten die von einem Dämon heimgesuchten Besessenen. So konnte er es z.B. verhindern, dass die Frau des Doktors von einer jenseitigen Version unseres Bürgermeisters geschändet wurde, was diese ihm mit Schimpf und Schande vergolt.

Ja, er war ein großer Geisterjäger, mein Vater. Gedenken wir seiner an diesem Donnerstag.

Guten Morgen, Welt!

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