Text auf Bestellung

Ich bin als raffinierter Textlieferant bekannt. Ich exportiere meine Texte in aller Herren Länder. In den USA sind sie besonders beliebt. Man verkauft sie dort in sogenannten Drive-in-Restaurants.

Die Leute kommen von weit her, um einen meiner Texte zu erstehen. Mit ihren Monstertrucks fahren sie an die Gegensprechanlage heran und ordern einen Rohm und eine Coke. Die afroamerikanische Bedienung nimmt die Bestellung – ohne mit der Wimper zu zucken – entgegen. Bei ihr gibt es alles, was sich schnell herunterwürgen lässt. Sie lässt einen der Schreiber tippen. Schneller, ruft der Einpeitscher. Der Schreiber, der erst kürzlich aus Mexiko eingeflohen ist, versucht meine Buchstaben abzupinseln. Jeder Text muss frisch zubereitet sein. Dafür bürge ich mit meinem Namen. Währenddessen drängeln sich an der Kasse zahllose Kids, die unbedingt einen doppelten Rohm ohne Umlaute haben möchten. Hektik macht sich breit. Wie konnte er nur hierherkommen? Seit Jahren versuche ich Jean Hektik aus meinen Lokalen draußen zu halten. Trotzdem schafft er es immer wieder reinzukommen. Er hat eigens eine Fluglinie aufgekauft, um all meine Läden zu erreichen. Einer meiner zahlreichen Türsteher begleitet ihn vor seinen Arbeitsplatz, um ihm klar zu machen – unmissverständlich und endgültig -, dass er hier nicht gerne gesehen ist. Hektik ist seit meiner Firmengründung mein größter Feind. Ein Unhold, dem Einhalt zu gebieten ist.

Kurztexte, auch SMS genannt, sind das Kopfnahrungsmittel der Moderne. Ich schreibe die Urtexte, auf denen alle weltweit vertriebenen Texte beruhen, längst nicht mehr selbst. Oh nein! Texter, die ich von den bekannten Literaturinstituten in Leipzig, Halle und Nürnberg abwerbe, schuften in gläsernen Palästen, die sich links und rechts des Rhein erstrecken. Längst bin ich zu einem Phänomen geworden, einer Marke. Rohm liest man nicht, man lebt ihn. Ich bin kein Autor, sondern eine Lebenseinstellung. Unentwegt finanziere ich Großprojekte. Ich kaufe Politiker und Museen auf. Verkloppe sie. Meine Gewinne haben sich derart angehäuft, dass ich längst über siebzehn Geldspeicher verfüge.

Texte auf Bestellung, das ist mein Metier. Schrieb ich früher noch Geburtstagsgrußkarten, stammt heute der überwiegende Teil der deutschen Literatur aus meinem Haus. Ja, glauben Sie denn wirklich, dass ein Martin Walser noch ein Wort selber schreibt? Nicht, seit er von mir und meinem Unternehmen gehört hat. Und die neuen Bücher von Götz und Maier? Auch von mir. Außerdem produziere ich neunzig Prozent der Texte, die im Spiegel und in der Emma erscheinen. Als Textlieferant muss man in großen Maßstäben denken.

Stehe ich am Morgen auf, wartet zunächst ein reichhaltiges Frühstück auf mich. Anschließend trainiere ich mit meinem persönlichen Fitnesstrainer. Vierzehn Purzelbäume, danach fahre ich auf dem Dreirad durch meinen Park. Die frische Luft, die Vögel, das alles tut mir mehr als gut. Als Millionär ohne Sorgen muss man darauf achten, sich nicht vom Stress einholen zu lassen. (Hektik lasse ich derzeit von einem Killerkommando jagen. Gedungene Killer, die sich nicht zu schade sind, ihm die Zähne zu ziehen, bekommen sie ihn in ihre Hände.)

Mittags kümmere ich mich um meinen Mittagstisch, der reichhaltig gedeckt ist, unter anderem mit Schiffen aus Schokolade, so einem Nachbau der Titanic, den ich genüsslich in meinem Bauch versinken lasse.

Auch dies, Sie haben es sicherlich bereits bemerkt, ist ein Text auf Bestellung. Sie können ihn mit Ketchup genießen. Meine Texte machen übrigens den Körper auf Dauer kaputt. Vor allem das Hirn. Die kalorienreichen Worte (Schokolade etc.) lassen die Seele verfetten. Sie werden träge, sind weniger hilfsbereit und wollen schließlich nichts anderes mehr tun, als nur noch auf dem Sofa rumlümmeln. Sie werden zu einem Schatten Ihrer selbst. Ich habe Sie in meiner Hand. Endlich sind Sie nach meinen Texten süchtig geworden, die in bunten Werbebildern eine Welt des Sports und der Jugend anpreisen, die ihnen endgültig durch den Konsum meiner Texte abhanden gekommen ist. Sie sind zu einem Wrack geworden, Abschaum, der, um ein paar Cent zu verdienen, in einem meiner Lokale arbeiten wird.

Und so schließt sich der Kreis. Eine Schulfeier ist beendet und schon strömen alle zu einem McRohm’s, um sich einen fetttriefenden Text mit null Inhaltsstoffen reinzuziehen. Rasch sind alle Tische besetzt. Es geht nicht darum, was man hier bekommt, sondern dass man es hier bekommt. Man gehört dazu. Man ist Teil der weltweiten Rohm-Gemeinde. Ich wusste, ich würde sie bekommen. Irgendwann bekommen ich sie alle.

Guten Appetit!

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3 Gedanken zu “Text auf Bestellung

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