Montag

Der Wind spielt mit dem Haus, als wäre es ein Grashalm. Hin und her geht es, sodass wir uns festhalten müssen. Ich klammere mich an eine alte Kommode, die quietschend von links nach rechts rutscht. Eine halbe Minute später geht es wieder zurück. Wir hätten die Möbel anbinden sollen.

Fulda ist als windreiche Gegend bekannt geworden. Fast die ganze Welt bezog einst ihren Wind von hier. Wir waren Exportweltmeister in Sachen Wind. Täglich fuhren Windlaster aus den großen Windhallen in all die Länder, die an Windknappheit litten. Der ganze Reichtum dieser Stadt stammt vom Wind.

Ich kann mich an die Geschichten meiner Großmutter erinnern, die mir von den Windfeldern erzählte, auf denen die Arbeiter standen, die Münder offen, um den Wind aufzufangen. Sie spuckten ihn in große Säcke, die sie sich über den Bauch gebunden hatten. Ein guter Windarbeiter konnte täglich bis zu dreißig Säcke mit Wind füllen. Herrenhäuser, unsichtbar, entstanden, in denen die Großluftbesitzer lebten. Alles, auf das man damals baute, war aus Wind, aus Luft, aus einem Material, das man nicht erblicken, wohl aber fühlen konnte. Fühlen, wenn es einen hob und über den Himmel Richtung Innenstadt trug, wo man sich vom Luftbus absetzen ließ, um ein Open-Air-Konzert zu besuchen, etwa wenn LUFTIKUS spielten, eine Band aus dem Sauerland, die sich auf die Luftgitarre verstanden, dass sich einem im Kopf alles drehte. Die Finger von Bad Motherfucker No. 5 rasten über die Luftseiten und zauberten Klangfolgen, die bis heute als legendär gelten. Bad Motherfucker No. 5 war es auch, der später als Luftbefeuchter Karriere machte, seiner nassen Aussprache wegen. Er wurde eine menschliche Sprinkleranlage, die man bevorzugt in Wintergärten einsetzte. Da stand er dann, etwa im berühmten Pinken Haus der USA. Das war, bevor sie es weiß anstrichen, weil sich die Präsidenten farblos geben wollten. Man setzte auf eine Politik der Langeweile, des Blassen, andere vermuteten Rassisten dahinter, die mit dem Weißen Haus eine Aussage treffen wollten. Es ging darum, keine andersfarbigen Häuser mehr zuzulassen, es sollte zu Haustrennungen kommen. Farbige Häuser sollten künftig in separaten Wohngebieten stehen, in solchen, in denen es später auch zu den bekannten Rasenunruhen kam. Was erzähle ich Ihnen hier. Das ist alles Geschichte. Wohlbekannt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s