Hirnkleister? (6)

5.

Die Untergrundpolizei wurde einst von Dick Daisy geründet, den heutzutage jedes Kind kennt, auch wenn es das abstreiten würde. Die Stadtoberen winken ab. Daisy sei eine Legende. Es gebe keine Untergrundpolizei, kurz UP genannt. Man wolle den Leuten Angst machen. Das Morden dürfe nicht aufhören, forderten die Stadtoberen, ihnen allen voran der mittelgescheitelte und mittelgescheite Doktor Thomas Thams.

Der, das weiß wiederum Gerhard, müsste es besser wissen. Er war ein Spielkamerad von Daisy, bis Daisy mit dem Räuber- und Gendarmspiel ernst machte und eine kleine Einheit gründete, um „in diesem Viertel aufzuräumen“, wie er sich wagemutig ausdrückte. Daisy stand auf dem Klettergerüst und tönte von seinen kommenden Taten.

Doktor Thams, der schon damals Doktor hieß, weil der Doktor ein Teil seines Namens war, lachte auf und stopfte sich die Hamsterbacken voll Brot. Neben ihm sein hundsgemeiner speichelleckender Freund Klein-Toby.

Klein-Toby nickte und kratzte sich an seinem Bart, den er sich in einem der Läden in der Innenstadt gestohlen hatte.

In Dillinger kaufte niemand ein. In Dillinger stahl man, betrog man, vergewaltigte man, schlug man tot; Leute, die sich dagegen wehrten, verschwanden spurlos im Tal der Knochen oder in den Sümpfen der ewigen Tränen.

Die Großmütter erzählten abends ihren Enkeln davon, die gebannt zuhörten, während draußen ein Schrei ertönte.

Später, da war Doktor Thams längst zum Bürgermeister der Stadt gewählt worden (dank der Armee, die im Hintergrund dafür sorgte, dass die Bürger ihr Kreuz an der rechten Stelle auf dem Wahlzettel, der eh nur Thams aufzuweisen hatte, machten), verschwanden mehr und mehr unrechtschaffende Bürger. Eben überfielen sie noch einen Schnapsladen, um im nächsten Moment wie vom Erdboden verschluckt worden zu sein.

Die Menschen bekamen es mit der Angst zu tun.

Dort draußen ist etwas, flüsterten sie. Etwas Gutes, etwas, was uns für unsere Verbrechen bestrafen will.

„Brecht ihm das Genick!“ schrie der Führe einer Lynchgruppe, die sich einmal wöchentlich in einem der freien Räume des VJTM (Verein Junger Tötender Männer) trafen.

Schreiend und grölend zogen sie ihre gewohnten Runden durch die Stadt, in der Hoffnung, den lynchen zu können, der ihnen das antat.

Sie wussten nicht, ob er unter ihren Opfern war. Es hätte gut sein können. Sie hofften es.

Sie warteten ab, aber wieder verschwanden untreusorgende Väter, die nur ihrem Handwerk des Totschlags nachgegangen waren.

Doktor Thams beruhigte die aufgebrachte Menge nicht, aber er wiegelte sie auch nicht noch mehr auf.

Dick Daisy, und der Doktor konnte sich gut an diesen Jungen erinnern, dem die Gerechtigkeit über alles gegangen war, sei also eine Schauergeschichte, eine Legende. Man solle sich keine Sorgen machen. Menschen seien in Dillinger schon immer verschwunden. Das sei ein Teil ihrer Kultur. Ihrer Lebensart. Ja, dachten die Bürger. Er hat recht.

Und so wurde die UP nach und nach zu einem Märchen, das wieder und wieder zuschlug.

6.

Gerhard, der Detektiv mit dem Horn, der eigentlich nach Hause müsste, hin zu Frau und Kindern, krault sich mit der linken unbehornten Hand die Kopfhaut. Er weiß nicht, was von dem, was ihm so durch den Kopf spukt, stimmt und was nicht. Er hat eine rege Fantasie, so wie manche über eine rege Verdauung verfügen. Es könnte sogar sein, umso länger er darüber nachdenkt, umso unsicherer ist er sich, dass seine Mutter noch lebt und er seinen Vater nicht als Baby mit einem Maschinengewehr erschossen hat. Alles möglich! Er spinnt gerne rum. Das sagen alle.

Nein, es muss stimmen. Er kann sich das nicht alles eingebildet haben.

Und jetzt blitzen die Bilder in seinen Kopf, die von Dick Daisy, der eines Nachts mit seinem Trupp in seinem Zimmer stand und ihn antippte.

Tief und fest hatte er geschlafen, aber Dick gab nicht auf, bis er die Augen aufschlug, ein junger Mann, der gerne heimlich seine Krimis schrieb und kein Geld damit verdiente.

Da stand er. Dick Daisy. Eingeschlagen in seinen Mantel, eine Pfeife in seinem Mund und eine Polizeimütze auf seinem Kopf.

„Weißt du, wer ich bin?“ fragte Dick Daisy.

Gerhard sagte kein Wort. Der Schock in der Nacht von einem weltbekannten Polizisten geweckt zu werden, saß zu tief.

„Wir sind die UP“, sagte Dick. „Und mein Name ist Dick Daisy. Ich bin der letzte Held in einer Zeit, die einzig Unholde gebärt.“

Hinter Dick trat ein dicker Kerl nach vorne, der ein Tonband auf dem Arm trug, das er einschaltete. Applaus ertönte.

„Wir müssen vorsichtig sein!“ rief einer von hinten.

„Was … Was wollt ihr von mir?“ fragte Gerhard.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Dick. „Wir werden dich nicht verhaften. Wir beobachten dich. Lange schon. Wir haben über dich gesprochen. Wir möchten, dass du ein Spion der UP wirst. Wir möchten dich in unsere Truppe aufnehmen, wollen, dass du ein Teil dieser Armee der Gerechtigkeit wirst.“

„Ein Spion?“

„Unsere Augen und Ohren, die am Tag alles sehen, was in Dillinger geschieht.“

Dick fuchtelte wild herum, bis ihm der mit dem Tonband etwas reichte, das Dick auf die Bettdecke legte.

„Was ist das?“ fragte Gerhard.

„Das ist ein Horn. Wenn du in das Horn bläst, rufst du uns. Wir sind deine Kameraden. Entdeckst du ein Verbrechen und bist du der Meinung, dass es einen Unhold gibt, der verhaften werden muss, pustest du siebenmal in das Horn. Besser fünfmal, sonst fällst du uns noch in Ohnmacht.“

„Ich muss schlecht träumen. Alle sagen, es gebe dich nicht. Andere sagen, ich hätte eine zu rege Fantasie, so wie andere eine zu rege Verdauung haben. Und wieder andere sagen …“ Gerhard schluckte.

„Was sagen sie?“ fragte Dick Daisy.

„Sie sagen, Dillinger sei keine Stadt, sondern eine überdachte Irrenanstalt. Hier würden nur Wahnsinnige leben.“

„So, sagen sie das?“, sagte Dick. Er streckte sein Kreuz durch. Er hob die scharfgeschnittene Adlernase, strich sich eine Strähne aus dem Gesicht und riss die Augen auf. „Bin ich etwa ein Wahnsinniger?“

„Nein“, beeilte Gerhard sich zu sagen.

„Also. – Die Parole …“

„Die Parole?“

„Wir brauchen eine Parole. Jedes Team hat eine Parole, damit es in der Nacht nicht zu Verwechslungen kommt. Die Parole lautet: Fern ist der Stern. Ist er nicht fern, hab ich ihn nicht gern. Lern vom Stern. Lern gern vom Stern.“

„Ist das nicht etwas lang für eine Parole?“ wagte Gerhard zu fragen.

„Papperlapapp. Die Parole hat sich bewährt. Und sie kann nur den Eingeweihten bekannt sein, eben weil sie so lang und kompliziert ist.“

„Hm …“

„Wiederhole die Parole.“

„Hm … Der Stern ist gern. Fern ist der Stern. Lern gern.“

„Prima. Sitzt doch. – Wir werden dich in den nächsten Nächten abholen und in unser Tunnelsystem führen, das tief unter der Stadt liegt. Dort wirst du ausgebildet. Und jetzt …“ Dick drehte sich um. „Jetzt gehen wir, Männer! Immerhin gibt es noch ein paar Schurken zu verhaften.“

Als Gerhard später allein war, konnte er nicht glauben, was geschehen war. Sollte er mit seinen Eltern darüber sprechen? Ach, das ging nicht. Seinen Vater hatte er als Kind erschossen. Dumme Geschichte. Das hätte er mal besser sein gelassen. Jetzt würde er gern mit ihm darüber reden.

Aufgeregt schloss Gerhard, der zukünftige Detektiv mit dem Horn, die Augen und schlief augenblicklich ein.

Geht doch, dachte er noch und war über sein abgebrühtes, kühles Wesen, das selbst in einer solchen Nacht seinen Schlaf fand, erstaunt.

Im nächsten Moment schnarchte er.

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