Willkommen in der Connywelt

Für Roy Bean

„Wir machen dich glögglich.“ Aus einer Ikea-Werbung

Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da. Auch zum Ficken. Zum Löcher ins Dunkel starren. Zum Wälzen.

Die Nacht ist zum Üben da. Zum Toter Mann üben.

Man muss es doch mal wissen. Irgendwann. Wie wird das sein, wenn man in seinem Sarg liegt und ins Innere des Nichts starrt? Tief rein ins Nirgendwo. In die Nichtexistenz. In die Abwesenheit.

Conny weiß das. Und darum übt er fleißig.

Früh übt sich, wer später eine gute Leiche werden will. Conny will die Nummer Eins unter den Leichen werden. Der King des Monats. Des Jahrhunderts. Der Ewigkeit.

Conny versucht es manchmal. Was? Sich die Ewigkeit vorstellen. Geht nicht. Es ist zum Verzweifeln. Ganz verrückt könnte er werden vom lauter Ewigkeitsbedenken. Also lässt er es und sieht sich lieber eine Folge Star Treck rein. Rein in den erprobten Totenkopf. Rein in den Totenschädel. Sein Kopf ist eine gehisste Flagge. Sein Körper ein Piratenschiff. Er ist auf Beutefahrt. Seine Augen kapern jedes Fernsehbild, das ihm in die Quere kommt. Schon stürmen die Connyaugen an Bord und metzeln allen Sinn nieder, der sich vielleicht noch finden würde.

Und wenn es dann Abend wird und Conny vom Pirat sein genug hat, dann schließt er seine Äuglein. Ruhe brauchen sie, die kleinen Dinger. Er zieht sie in seinen Kopf rein. Stopft sie in seine Gedanken und sieht sich dort um. Bis er müde wird.

Jetzt ist es Zeit für das Nichts.

Conny spürt es kommen. Das absolute, alles verschlingende Nichts. In großen Schritten läuft es auf ihn zu. Verpasst ihm einen Kinnhaken. Ganz schwach wird er. Spürt, wie das Nichts sich über seinen Körper legt.

„Vergewaltigung! Hilfe!“ (O-Ton Conny)

Und weil Conny die Zeit, die er verbraucht, nicht ungenutzt verstreichen lassen möchte, nutzt er auch die Nichtzeit und stellt sich vor, wie sich wohl eine Leiche fühlt.

Conny weiß, dass er sterblich ist. Dass er dereinst den Weg aller gehen wird. Und daher übt er sein Totsein bereits. Meister fallen nicht vom Himmel. Sie kommen in ihn, wenn sie nur tüchtig genug geübt haben. So sieht die Sache aus. So und nicht anders.

Der Regen fällt. Keine Urteile. Das macht das Fernsehen. Steht in Connys Zimmer und röhrt, weil er alt und noch nicht flach ist. Das Programm schon. Strahlt in Connys Zimmer, der als Zeuge vor ihm sitzt. Der große Richter. Spricht über die ganze Welt. Presst sie in seinen Bauch, der von Tag zu Tag dicker wird. Runder. Bald wird der Fernseher explodieren. Conny sitzt und schmatzt und schaut. Beide überfressen sich an Bildern. Conny zusätzlich an Chips. Er füttert sich damit. Tag für Tag, bis sie ihm irgendwann aus den Ohren kommen werden. (Brösel, brösel, brösel.) Die Brösel werden ins Connyzimmer bröseln, bis seine kleine Connywelt unter Chips begraben sein wird. Dann schlägt Connys große Stunde. Er wird sich in die Freiheit fressen. Wie der Graf von Monte Christo. Wie ein Maulwurf wird er sich Gänge durch die Chips graben. Ein Labyrinth, in dem er sich verläuft. Am Ende findet Conny nicht raus.

„Wäre nicht weiter schlimm.“ (O-Ton Conny)

Hauptsache, er findet seinen Fernseher. Sein Bett.

Conny ist ein Liegengebliebener. Ein Aushalter. Ein Dreinschauer.

Liegt seit Jahren in seinem Bett und wartet auf die Prinzessin, die ihn aus seinem Dornröschenschlaf küsst. Viel können muss sie aber auch. Vor allem putzen, einkaufen, arbeiten, ficken, blasen, und dann wieder einkaufen, putzen, kochen, kochen, kochen.

Conny ist ein Gefangener. Kann für nichts irgendwas. Wurde verflucht. Er kann es spüren. Die Faulfäulnis lähmt ihn, richtet ihn zu Grunde. Er ist ein Opfer. Muss nun in seinem Bett liegen. Dauernd schlafen. Löcher in den Fernseher starren. In die Decke. In seine Gedanken. Träume. Ohne ihn ist die Welt besser dran. Denkt Conny. Sagt ihm seine Mutter. Die lebt mit ihm in seiner Märchenwelt. Räumt und rumpelt und stöhnt und kocht (manchmal) und gibt ihren Körper her, damit der Körper etwas erwirtschaftet.

„Dafür sind sie doch da. Die Frauenkörper.“ (O-Ton Conny)

Conny und die Connymutter müssen ja von etwas leben, auch wenn manche das kein Leben nennen, was die beiden da führen. Conny und seine Mutter haben ein ganz besonderes Verhältnis. Alle paar Wochen auch ein intimes ganz besonderes Verhältnis. Das kam irgendwann, geschah einfach so. Es gibt Dinge, die fallen vom Himmel. Die Liebe und Kometen. Beide erschlagen dich, ohne weiter darüber nachzudenken. Es liegt nicht in der Natur von Kometen und Liebe über sich nachzudenken. Es liegt in ihrer Natur zu fallen. Auf Köpfe, damit vom Denken des Getroffenen auch nichts übrig bleibt. So kommen zwei Hirnlose zusammen. So ist das Leben.

Conny und seine Mutter können sich nicht mehr erinnern. Sind irgendwann in Sohnes Bett gelandet. Zwei Flugzeuge, die genug vom Traumhimmel hatten und sich erden mussten. Sie waren nicht betrunken. Weit gefehlt. Stocknüchtern waren sie. Trieben es auf eine sehr mechanische Weise. Das war kein Sex. Das war ein industrieller Beischlafvorgang. Alles lief wie geschmiert.

Conny kroch mit seinem Schwanz in den Schoß, der ihn einst ins Leben gedrückt hatte.

Nachdem Conny abgespritzt hatte, zog er sein Ding raus. Sein Schwanz war wie ein Stecker für ihn. Wenn man sich unter Strom setzen wollte, dann musste man ihn reinstecken. Egal in welches Loch. Zur Not auch in das der Mutter. Die nahm es gelangweilt hin. Allemal besser als die Typen, die es ihr nur gegen Bargeld besorgten. Einmal konnte sie etwas Selbstloses tun. Mensch und Mutter und Geliebte zugleich sein. Den Jungen beruhigte es. Sie auch. Die Nervenbahnen schwollen ab. Bei beiden. Ein Familienfest.

Jetzt ist Conny erwacht. Er ist aus dem Schlaf wie aus einem Tank aufgetaucht. Luft schnappen, auch wenn sich in seinem Zimmer keine Luft befindet, dafür aber Unmengen an Gestank. Wäre sein Gestank wertvoll, hätte ihn die USA längst erobert. Truppen würden durch sein Zimmer marschieren. Panzer würden rattern. Straßensperren. Nächtliche Überfälle. Vergewaltigung. Conny schließt die Augen, weil er sich gerne einschließt. Kopfknast. Den hat er sich seit Jahren wie ein Medikament verordnet. Er will am eigenen Kopf genesen. An seinen Träumen. Seinen Tagträumen, die ihn wie ein Tornado heimsuchen. Lassen kein Stein auf dem anderen. Fegen alles hinfort. Die totale Zerstörung.

Conny sieht alles genau vor sich. Er mit einem Messer, um sich ein Herz aus dem Feind zu schneiden. Säbelt und feilt, bis er mitten in einer großen Disneyshow landet. So sieht es also in denen aus. Nichts als Cartoonfiguren. Bugs Bunny zieht gerade eine Line Koks. Conny drängt sich neben ihn. Rempelt ihn an.

„Verpiss dich!“ (O-Ton Conny)

Conny ist der Chef in seinen Träumen. Er duldet da keine Widerrede. Und wenn doch mal einer widerspricht, dann fliegt er raus. In hohem Bogen aus dem Fenster. Conny nennt seine Augen Fenster. So ist Conny. Immer für eine Überraschung gut. Manche nennen ihn einen Irren. Conny weiß, die irren, die so etwas behaupten.

Jetzt klopft es an der Tür. War ja zu erwarten, weil es Tradition in Connys Träumen ist, dass einer an seine Tür klopft, wenn er gerade eine Line Koks schnüffelt.

No man, no man. Ich bin drauf, will Conny rufen, bis ihm einfällt, dass es alles nur ein Traum ist. Conny war noch nie wirklich high. Nicht mal stoned. Er ist naturbreit. So wird ein Schuh aus dem Connyzustand.

Einer der Bezahlficker seiner Mutter. Der war es. Stolpert bereits ins Zimmer. Sieht sich verwirrt um.

Was Conny nicht an Koks genommen hat, hat der Kerl zu viel geschnüffelt. Ein Schneemann. So kommt er einem vor die Fresse. Nicht vor die Flinte. Ach, hätte Conny doch nur eine. Der Schneemann schlabbert und tropft sich ins Zimmer.

Er müsse mal, sabbert das Schneemännchen.

Dabei fließt es doch längst aus ihm raus. Mitten ins Zimmer. Hey, will Conny rufen.

Seine Stimme versagt. Darin ist Conny ein Meister. Im Versagen. Seit Jahren versagt er professionell. Da kann er ja nicht heute einfach damit aufhören. Das wäre ja gelacht.

Als hätte Schneemännchen es gehört, beginnt sein gesichtsloses Gesicht zu lachen. Laut und kräftig, obwohl man das einem Schneemann, zumal diesem Schneemännchen, gar nicht zugetraut hätte. Lacht sich aus wie ein Lachsack, bis man den Eindruck gewinnt, Schneemännchen besteht aus nichts anderem als nur Lachen. Eine echte Lachnummer eben. Eine Lacher de luxe. Einer, den das Leben bereits so fest an den Eiern hat, das nur die hohen Töne noch kommen. Die ganz hohen. Die Obertöne. Schneemännchen ist ein Hochlacher. Hier wird nicht trivial gelacht. Das ist die hohe Schule des Totlachens. Bis es geschieht. Bis er sich ans Herz fasst. Oder an seine Goldkette. So genau kann das Conny später gar nicht mehr sagen.

Was für ein Ding. Was für ein Stress. Und das am frühen Nachmittag. Eben erst erwacht, sieht sich Conny plötzlich mit einem Toten konfrontiert. (Nichts gegen Tote. Am liebsten Zombies.) Und auch wenn der wie einer aussieht, ist Conny klar, dass es mit seiner beschaulichen Fernsehruhe vorüber ist. Er wird seine Mutter rufen müssen. Wird er doch? Oder etwa nicht? Könnte er auch anders? Es gibt stets eine Alternative. Laut Quantenphysik ganze Alternativwelten. Unendlich viele davon. Conny könnte Schneemännchen zum Schmelzen auf den Balkon stellen. Warten, bis er sich in Luft auflöst. Bis sich die Vögel an ihm vergehen. Der Wind. Conny hat eine ungefähre Vorstellung von dem, was es dort draußen geben soll. Gesehen hat er das alles schon. Conny, das darf man nie vergessen, ist ein Seher, einer, der zwar nicht in die Zukunft blicken kann, wohl aber in seinen Fernseher, der ihm alles verrät. Nur nicht, wie man Stress vermeiden kann, wenn man aus heiterem bzw. trübem Himmel eine Leiche ins Zimmer gekippt bekommt. Jetzt wird Conny von schrecklichen Visionen heimgesucht. Ist also doch ein Seher, unser Conny. Gott habe ihn selig, unsere heilige Dreieinfaltigkeit. (Fernsehen, Inzucht, Fraß)

Conny ist Gottes Sohn. Sicher. Er kann es spüren. Gott lauerte seiner Mutter in einer Tiefgarage auf und nahm sie hart ran. Was für eine Schreierei. Verzückungsschreie, so denkt sich Conny das.

Ganz anders wird es Conny bei dem Gedanken, ein Sohn zu sein, denn wenn die Mutter die Leiche erst entdeckt, dann ist das Theater vorprogrammiert. (Schrei, Kreisch, Schrei, Würg, Hust, Schrei, Würgwürgwürg, Schrei, Schluchz, Bibber, Schimpf) Anschließend wird sich die Mutter abreagieren müssen. Denn irgendwo muss er ja hin, der ganze Frust, der Stress, die Lust, die nun nicht zu einem Ende geführt wurde.

Conny geht im Kopf das Abendprogramm durch. Rambo. Schweiß tritt auf seine Stirn. Klettert mitten drauf. Verneigt sich und fließt dann zur Nase vor lauter Rührung. Fließt und fließt, bis Connys Gesicht wie ein Fluss aussieht, ein reißender Strom, ein wildes Gewässer, das außer Rand und Band geraten ist. Das über die Ufer tritt und sich im Zimmer verliert. Jetzt ist es soweit. Jetzt überschwemmt er das Zimmer. Conny wird zu einer Flut, die alles mit sich zerren wird. Möbel. Den Fernseher. Die Leiche. Alles wird raus kommen. Es wird zum Himmel stinken, zumal wenn das Wasser die Fenster zum Platzen bringt.

Rambo, Rambo, Rambo zuckt es durch das Connyhirn. Das kann er sich nicht entgehen lassen. Nicht diesen Teil. Den ersten. Den besten. Den muss man sehen. Rambo ist für Conny Sport. Er tobt sich aus. Er ist in Bewegung. Die muss sein. Die ist gesund. Und daran muss er doch auch denken. An seine Gesundheit. Er kann jetzt nicht nur an die Toten denken. Da verlangt man zu viel von ihm. Conny fühlt sich unter Druck gesetzt, und klar, sofort denkt er an seine Mutter und eine kleine spritzige Erleichterung in ihrem Muttermund.

Geht doch. Geht doch. Man muss lernen. Fernsehen ist der große Lehrmeister. Steht in Connys Zimmer, rührt sich nicht von der Stelle, will nicht gefüttert und früh berentet werden, läuft aber trotzdem. Läuft und läuft auf der Stelle. Erklärt die Welt. Bricht sie auseinander und anschließend ins Connyzimmer rein. Ins Connyweltreich. Hier herrscht er. Jetzt wieder. Ganz und gar ist er der Herr der Situationen. Aller Situationen, bis es ans Türchen klopft. Conny reagiert nicht, daher weiß die Mutter, dass sie reinkommen darf.

Ob er denn, fragt sie ihn, aber er schüttelt gleich den Kopf. Er schüttelt sich nicht vor Lachen. Soviel Anstand hat er. Beim Lachen vergeht ihm das Lachen, denn beim Lachen, klar, da muss er fortan ans Schneelachmännchen denken, das längst unten vor dem Haus liegt.

Ha! Wäre doch ungelacht gewesen, wenn er die Situation nicht  bereinigt hätte. Hat er aber, dank der netten Ikea-Werbung, bei der sie die alten Weihnachtsbäume aus dem Fenster werfen. Raus damit. So macht man das. Auch mit den Toten. Die landen unten neben dem Kinderspielplatz. Damit die Kinder was zum Finden haben. Die werden ihren Spaß haben. Conny ist eben auch ein Weihnachtsmann, ein Leichenverschenker, der die Körper aus dem Fenster wirft, als wäre es nichts.

Viel Arbeit war es, viel Arbeit, ein Meer an Arbeit, ein weiteres Meer an Arbeit kann Conny in den nächsten Jahrhunderten auf keinen Fall verkraften. Deshalb drückt er seinen entkräfteten Leib unter die Decke, tief unter das wohlig warme Decklein, unter dem sich die Welt ertragen lässt. Aber jetzt Ruhe. Rambo kommt gleich, wenn, ja, wenn die Mutter nicht dieses Glitzern in den Augen hätte, dieses Schnaufen im Rachen. Sie wird doch nicht …

Und während unten vor dem Haus ein Schrei den Abend einläutet, sattelt die Mutter auf, weil sie nichts anderes will, nein, nur eins. Auf ihrem Sohn in den Sonnenuntergang reiten mit einem Lied auf den Lippen: I’m a poor lonesome cowboy, and a long way from home.“

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