Hirnkleister? (2)

Abgebrochener Versuch eines Prologs

Dillinger!

Das Sylt des Todes. Das Hawaii des Jenseits.

Dillinger!

Die Stadt, in der diese Geschichte spielt. Sie ist jedem Kleinkind bekannt. Jeder Großmutter. Jedem Großvater.

Der Name dieser Stadt, dieses Sündenpfuhls, ist täglich in den Schlagzeilen der Zeitungen zu finden. Die Zeitungen laufen mit den Meldungen über Dillinger über. Die Nachrichtensprecher berichten über sie. Hastig berichten sie von den neusten Verbrechen.

Dillinger!

Dillinger ist ein explosiver Ort. Ein böser Ort. Ein toter Ort. Eine Stadt. Eine Gegend. Ein Land. Dillinger ist der Fluchtort für die Verrückten dieser Welt.

Banken werden ausgeraubt. Tanklaster fliegen in die Luft. Feuer, wohin das Auge blickt. Das Verbrechen ist hier an der Tagesordnung. Schlimmer noch. Es ist die Ordnung. Die Unordnung, die sich durch die Straßen frisst.

Einst war Dillinger ein beschaulicher Ort. Gegründet von einem der Sünde verfallenen Priester, der mit seinen acht Töchtern und drei Frauen vor den Fängen der Justiz in die Wüste floh, bis ihm eines der Räder seines gestohlenen Wagens brach.

„Hier sind wir! Hier wollen wir bleiben! Preiset den Herrn“ rief er freudig aus.

Seine Frauen priesen den Herrn und baten dann darum, weiterzureisen. Nein! Mit dem Priester war nicht zu reden. Er zwang die Frauen dazu, sich entkleidet niederzusetzen, um so zu Gott zu beten, der sich in seiner unendlichen Barmherzigkeit schon um sie kümmern würde.

Sie entfachten ein Feuer und blieben.

Nach und nach verirrten sich Strauchdiebe in diese Wildnis. Sie hockten sich neben den Priester und baten ihn mit der Waffe in der Hand, bleiben zu dürfen.

„Wer mich derart nett bittet, dem öffne ich meine Tür“, sagte der Priester zu ihnen.

Und so wurde Dillinger gegründet.

Stadt der Gesetzlosen!

Ort der Niedertracht!

Niemand geht in Dillinger einem Tagewerk nach. Das gehört sich nicht. Das schickt sich nicht.

Man arbeitet in der Nacht. Überfällt Tankstellen oder alte Frauen. Man zieht los und meuchelt seine Nachbarn. Genießt die Schreie. Das Blut. Die Innereien.

Mord ist die Losung, die durch die Nacht tönt!

Wagen rasen um die Ecken. Auf den Trittbrettern bewaffnete Gangster in Nadelstreifenanzügen, die mit ihren Maschinengewehren kleine tödliche Wespen in die Dunkelheit schicken.

Die Korruption ist Teil der politischen Kultur. Kein Politiker, der etwas auf sich hält, ist nicht bestechlich. Alle halten sie die Hand auf. Sie schmieren und werden geschmiert, um Bürgermeister oder Präsident zu werden. Eine Polizei gibt es nicht.

(Es gibt schon eine, aber die lebt im Untergrund. Davon wollen wir später berichten.)

Würde man am Ortsschild anhalten, könnte man unter all dem Dreck und Ruß, der sich in den Jahren darüber gelegt hat, die Schrift UNWILLKOMMEN IN DILLINGER lesen. Aber kaum einer der Einwohner kann lesen. Das Schild, so vermutet man, muss auf die Zeiten, da der Priester die Stadt gründete, zurückgehen. – Wie der Name des Priesters lautet, weiß niemand mehr, daher nennt man ihn nur Priester (oder Pfaffe oder auch Lakai Gottes).

Die Kirche ist in Dillinger ein fester Bestandteil der ehrenwerten Gesellschaft. Sie ist allgemein als eine der schlimmsten und am schnellsten wachsenden (dank des Verhütungsverbots) Verbrecherorganisationen anerkannt.

Ihre Raubzüge sind berüchtigt. Man klopft den Bischöfen kollegial auf die Schultern. Trifft man auf einen Kirchenmann, den man meist an seinem Kreuzschmuck und seiner geladenen Waffe, die das schwarzen Sakko ausbeult, erkennt, schüttelt man den Kopf und murmelt: „Jungs, ihr habt es wirklich drauf! Respekt und Amen!“

Dann preist man gemeinsam den Herrn!

Hinter dem Schild beginnt die sogenannte Todeszone. Dunkelheit umhüllt die Landschaft. Sie kleidet sie regelrecht ein. Todes Getier, wohin man tritt. Bei jedem Schritt macht es knack, knack, knack.

Man findet Unterarme, Oberschenkel, Köpfe. Eine wahre Goldgrube für den leidenschaftlichen Knochensammler von heute.

Geier kreisen, wilde Schreie ausstoßend, am Himmel, weit oben, direkt unter der Sonne, die sich hinter grauen Wolkenschleiern verbirgt. (Die Sonne, man ahnt es schnell, will mit diesem Teil des Landes nichts zu tun haben.)

Man sollte also, ist man Knochensucher, einen Sack dabei haben, besser noch einen LKW. Und dann greift man zu, rasch, um dem, der ebenfalls sammelt, zuvorzukommen.

Streit, oh ihn gab es oft schon. Schießereien. Tote, die verwesten, und die so zum Nachschub für die anderen Sammler wurden.

Hat man die Knochentodeszone erst hinter sich gelassen, trifft man auf die ersten Häuser, die von bärbeißigen bösen alten Männern bewohnt werden, die sich selbst genügen. Sie haben keine Frau, keine Kinder. (Im Volksmund nennt man sie MASTURBATOREN. Maschinenähnliche Ungeheuer, denen Gefühle wie Mitleid und Nächstenliebe fremd sind.)

In der Nacht ziehen die MASTURBATOREN los und jagen Menschen, denen sie mit einem dreckigen Lachen die Jacken und Fellmäntel von den Körpern ziehen. Sie tun das fachgerecht mit einem Messer, das sie knapp unter der Haut entlang ziehen. Könner sind sie auf ihrem Gebiet. Fallensteller, die mit den Errungenschaften der Zivilisation nichts zu tun haben wollen.

Ihre Häuser sind schäbige Hütten, die auf Stelzen stehen, weil sie an die Ankunft einer großen Flut glauben.

„Die Sintflut wird kommen!“ schreien sie. „Sie wird die Menschen vertilgen, aber uns wird sie verschonen, die wir mit unseren Häusern auf dem Wasser treiben werden, mit all unseren Jacken und Mänteln, die wir tragen werden, bis in alle Ewigkeit! Preiset den Herrn!“

Man tut sie als Verrückte ab. Bezichtigt sie des Wahnsinns, lässt sie aber sonst in Ruhe, solange man nur von ihnen nicht behelligt beziehungsweise bedunkelt wird, wie es in der ganz eigenen Sprache der Dillinger richtigerweise heißt.

Es stinkt fürchterlich aus den Rachen und den Häusern der Fallensteller, die sich nie waschen. Sie geben sich ganz und gar sich und ihrem Leben hin, das jeden Morgen mit einem Schluck Whiskey eingeläutet wird, den sie großzügig aus einem Kaffeepott schlürfen. (Der Morgen der Fallensteller beginnt, wenn die Sonne untergeht, denn in einem sind sich alle Dillinger einig: Die Sonne ist ein Ausdruck des Guten, und daher ist sie zu meiden.)

Nach dem Frühstück machen sich die Trapper daran, ein paar wehrlose Tiere zu quälen. Es finden sich stets welche, die ihnen in die Fallen gegangen sind. Lachend beugen sie ihre bärtigen Gesichter über die Ratten und Hunde und Katzen. Sie ziehen ihnen die Augen mit einem Korkenzieher aus den überraschten Gesichtern.

Es sind widerliche Gesellen (die Trapper natürlich, nicht die Tiere, die nicht weiter in dieser von widerlichen Gesellen reichen Gegend auffallen).

Sind genügend Tiere erniedrigt und erledigt, ziehen sie sich auf ihre Veranden zurück, um eine Zigarre oder eine Pfeife zu rauchen, eine, die aus dem Knochen eines längst ausgestorbenen Elefanten gemacht ist. Denn in nur in einer solchen schmeckt der Tabak auch.

Er muss nach Schmerzen und Angst schmecken.

Sie wippen mit ihren Schaukelstühlen und spucken nachtschwarzen Tabaksaft ins hüfthohe Gras, bis sie sich schließlich mit einem Knurren erheben, nach ihren Waffen greifend, um auf die Jagd zu gehen.

(Anm. d. Autors: Hier verließ mich die Lust am Prolog. Der Prolog kann daher von jeder beliebigen Person weitergeführt bzw. ausgebaut werden. Danke für die bisher verschwendete Aufmerksamkeit. – Gez. DER AUTOR)

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