Freitag

Bevor ich erfolgreich wurde, war ich ein Buchmessestand. Das war nichts für mich. Ich wurde von der andauernden Warterei ganz depressiv. Nur auf einem Fleck stehen, nein, das geht an die Psyche. Hast du erst etwas an der Psyche, musst du es losbekommen. Mit einer Spachtel, die du dir zuvor vom Mund absparen musst. Und wer sich schon etwas vom Mund abgespart hat, der weiß, dass das kein Spaß ist. Was will man sich denn absparen? Die Unterlippe etwa? Den rechten Mundwinkel? Nein, nein, dann lieber kein Buchmessestand werden und nichts an die Psyche bekommen.

Als Buchmessestand treten sie auf dir herum. Schriftsteller, Verleger, Kritiker, Leser. Und keiner interessiert sich für dich, sondern höchstens für die auf dir abgestellten Bücher. Bevor man sich für die Laufbahn des Buchmessestands entscheidet, sollte man lieber ein Buch werden.

Nur kein Bestseller werden. Als Bestseller hast du keine Minute mehr Ruhe. Wer ein Buch wird, sollte ein Ladenhüter werden, will er nicht gestört werden. Als Ladenhüter kannst du Tag und Nacht faul herumliegen, bis sie dich irgendwann verramschen. Auch nicht schön. Plötzlich klemmst du in einem Wühltisch mit all den anderen Ladenhütern. Es ist eng, man schwitzt. So nahe kommt man sich selten. Wühltische sind die Swingerclubs der Buchbranche.

Und dann all die Hände, die in dich hineinlangen, als ob du ein billiges Flittchen wärst. Die dich mustern. Immer nur angelesen werden, um zurückgelegt zu werden. Leser sind Schweine, sage ich. Die wollen alle nur das eine. Dich durchlesen und ab mit dir ins Regal. So nicht, meine Leser! Ich bin zwar kein Buch mehr, aber wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, würde ich heute irgendwo unter R stehen und darauf hoffen, dass mich mein Leser hin und wieder abstaubt, nur um schließlich auf dem Basar zu landen. Skandal! Das ist doch Sklavenhandel. Noch schlimmer. Wir sind Sklaven der Augen. Ist man unserer überdrüssig geworden, verschenkt man uns. Danke, sage ich da. Danke! Gut, dass ich den Absprung geschafft habe. Als Buch wäre ich vor die Hunde gegangen. Und nicht mal das. Ohne Beine wäre aus dem Spazieren nichts geworden. Dafür hätte ich Eselsohren und würde zum Gespött der Neuausgaben, die noch nicht wissen, was auf sie zukommt.

Nein, dann lieber Buchmessestand geworden. Noch besser ist, man wird erfolgreich. Als Erfolgreicher kannst du auf Buchmesseständen herumlaufen und Bücher signieren. Man ist sozusagen ein Literaturcowboy, der seinem Rind ein Brandzeichen verpasst. Das wird mit der Zigarettenglut langsam in die Haut gemalt. Dafür muss man ausgebildet sein, sonst sieht es scheiße aus. Da sitzt man als Cowboy auf einem Buchmessestand und raucht Kette, um ein Buch nach dem anderen zu signieren. Deshalb sterben auch so viele Autoren an Lungenkrebs.

Guten Morgen, Welt!

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