Der Selbstversuch

I

Ich hatte mir vorgenommen, mich auszuklammern. Raus aus dem Internetleben. Raus aus diesem falschen Leben, das dritten Zähnen glich. Rein mit ihnen ins Glas der Aufbewahrung. Hinein mit ihnen in den Kelch, der an mir vorübergehen sollte. Sieben oder vierzehn Tage kein Facebook. Das musste doch möglich sein. Kein Blog. Nur das Schreiben und ich, so wie es früher gewesen war. In den alten Tagen des Vor-Internet, in denen die Menschen noch miteinander sprachen, von Mund zu Mund. In denen sie noch schrieben, ohne es gleich zu veröffentlichen. In denen ein Peter Handke noch zu Unseld fuhr, mit der Bimmel-Bummel-Bahn, um ihm sein Manuskript zu überreichen. Feierlich, während ein Streichorchester etwas von Mozart spielte. Unvorstellbar so etwas.

Ich stand in den frühen Morgenstunden auf und setzte mich an den Rechner. Mails durften sein. Die waren erlaubt. Sie waren die große Ausnahme von der Regel, um sie zu bestätigen. Und ein bis zwei Nachrichtenseiten. Die waren ebenfalls erlaubt. Weitere Ausnahmen zur Regelbestätigung. Ich würde es schaffen. Würde es tatsächlich schaffen.

Schweiß lief mir auf die Stirn. Er tippelte auf der Stelle. Wie ein Hundertmeterläufer am Start, der sich aufwärmt. Was wollte mir mein Schweiß damit sagen?

Und über was würde ich schreiben. Über meine Erlösung vom Joch der sozialen Netzwerke. Meines Blogs. Was sollte mein Test überhaupt? Wem würde er nützen? Welche Aussagen traf er?

Ich könnte es an Faust-Kultur schicken, um diesen Beweis meiner Aufopferung für die Nachwelt aufzubewahren. Da war tatsächlich einer, der es wagte, Hand an sich zu legen. An sich und seine Verbindungen zur Außenwelt. Einer, der sich kappte. Der das Band zerriss, das ihn mit den Lesern verband. Einer, der auf dem besten Weg war, der erste ungelesene Schriftsteller der Weltgeschichte zu werden. Gut, vielleicht nicht der erste, aber der erste wichtige.

Worüber schreiben? Über die Folgen des Entzugs. Spürte ich bereits etwas?

Nein, ich schien vollkommen ruhig zu sein. Ich trank meinen Morgenkaffee und schrieb. Alles wie gehabt. Das tue ich doch jeden Tag. Stand auf und rauchte und schrieb. (Gott, ist mein Leben tatsächlich so trostlos, so eingefahren?)

Draußen war es noch dunkel. Kurz vor sechs. Keine Autos zu hören. Wie gut, dass ich in der Provinz wohne, dachte ich. In Fulda ist die Welt noch in Ordnung. Die Menschen wissen, was sich gehört. Sie stehen nicht einfach auf und starten ihre Autos, um die Gedanken eines Schriftstellers zu stören. Sie bleiben liegen. Horchen, ob sein Tippen zu hören ist. Wann endet es, fragen sie sich. Wann dürfen wir es wagen aufzustehen? Es gibt Tage in Fulda, an denen ich ganztägig schreibe. Und ob Sie es glauben oder nicht, der Verkehr ruht. Es tut sich nichts. Alle verbleiben in ihren Betten, ängstlich darauf bedacht, mich in keinem meiner wichtigen Gedanken zu stören.

So, eigentlich reicht es jetzt. Ich werde mich morgen wieder zu meinem Selbstversuch äußern. Morgen. Wenn es denn ein Morgen für mich geben sollte.

Unseld stehe mir bei!

II

Ich muss es zugeben. Unumwunden eingestehen. Das Internet fehlt mir. Es fehlt mir so sehr, dass ich meine Frau bat, einige geöffnete Seiten berühren zu können. Sanft fuhren meine Finger über Spiegel-Online. Über mein Blog, dem ich einen kleinen Link nicht vorenthalten konnte. So will ich nicht leben.

Und Facebook? Es fehlt mir ebenso. So sehr, dass ich mit dem Gedanken spielte, mich heimlich in der Nacht anzumelden, um nachzusehen, was meine Freunde so trieben. Und was würde ich entdecken? Im schlimmsten Falle nichts. Vor allem, dass sie mich nicht vermissten. Nicht einer, nicht eine. Doch eine tat es. Sie schrieb mich bereits an. Gott segne das treue Weib!

Das Essen will mir nicht mehr schmecken. Gedankenverloren kippe ich meine Dosis Wodka, die ich benötige, um in die rechte Schreibstimmung zu kommen.

Warum mit dem Internet aufhören, wo es doch die wunderbarste Literaturmaschine aller Zeiten ist. Eine Maschine, die von einem Meer aus Leuten beschrieben wird. Eine gigantische Schreibmaschine, die unzähligen Menschen dazu dient, sich auszudrücken. Die Demokratisierung der Literatur, der Buchstaben, der Erzählungen. Fortan sind alle Künstler, alle Schriftsteller, bis zu jenem fernen oder nahen Tag, an dem Texte nichts mehr bedeuten können, weil sie inflationär erbrochen wurden. Die Welt wird in einem Ozean aus Geschwafel ersaufen.

Das Internet. So schön. So hässlich.

Es ist schwierig in diesem offenen Himmel zu überleben. Man ist ein Vogel von vielen. Die Verlage werden nach und nach, stellen sie sich nicht auf die neue Lage ein, verschwinden, sie werden zu einer Luftspiegelung werden, einer Erinnerung, wie die Schreibmaschine eine Erinnerung an das Solo-Internet ist, das sich erst durch den Druck und Vertrieb eines Buches verteilte. Heute wird geteilt, in Sekundenschnelle.

Es ist doch meine Lebenserzählung, die ich vorantreiben will, meine erstunkenen und erlogenen Vorkommnisse. Soll mein nächste Buch nicht eine Autobiografie werden? Oh ja! Warum? Weil es Zeit ist, mein Leben so zu beschreiben, wie es hätte verlaufen können. Dafür ist sie doch da, die große Lügnerin Literatur.

So vieles, was ich schreibe, stimmt. So vieles ist eine Lüge. Wo noch trennen? Ich weiß es nicht.

In der Küche wird geackert, das Essen wird zubereitet. Dieses Schwein, höre ich die Feministinnen murmeln, die nicht ertragen können, dass ich die Trumpfkarte meiner geschlechtlichen Abstammung ausspiele, um mich aus dem Leben ins Schreiben zu stehlen. Ein Akt fortwährender Faulheit? Ja! Ein Akt der Lebensverweigerung? Ja! Aber nein, das sind doch alles Ausgeburten meines silbenformenden Hirns, das sich mit den Buchstaben eine Spur legt, um sich nicht zu verirren, nicht zu verlieren. Um einen Halt im Jetzt zu finden.

Die ersten Stunden nervöser Zuckungen sind überstanden. Am Ende werde ich noch ohne das Internet auskommen. Und dann? Ich könnte mich in eine kerzenbewachte Dachwohnung zurückziehen, um dort Gedichte mit der Feder zu kratzen. Ich könnte sie den Fledermäusen vortragen. Den Mardern.

Nein, ich denke nicht, dass es soweit kommen wird. Und doch, um meinen Roman um ein weiteres unsinniges Kapitel zu bereichern, werde ich mich in Enthaltsamkeit üben. Ein Abt des Realen. Ein Mönch des Tatsächlichen.

Wenn es das denn überhaupt gibt.

III

Die Internetsucht wird einen ein Leben lang begleiten. Ist man erst geheilt, was im Grunde unmöglich ist, wird man Tag für Tag gegen die Verführungen, die im Alltag lauern, kämpfen müssen.

Man wird wildfremde Leute in der U-Bahn bitten, schwitzend, mit zitternden Händen, ihr Smartphone berühren zu dürfen. Man wird sich unter einem Vorwand in die Elektroabteilungen der großen Kaufhäuser stehlen. „Es gibt da diesen Föhn, ich will ihn mir kurz ansehen.“

Nachts wird man sich heimlich an den Rechner setzen. Tausend Kämpfe wird man mit sich ausfechten, um ihn nicht hochzufahren. Nicht alle schaffen es. Viele verlieren den jahrelangen Kampf gegen einen Gegner, der uns vernichten will. Erniedrigen will er uns. Gesellschaftlich ins Abseits drängen. Er will uns stumm werden lassen. Die Matrix, das müssen wir wissen, ist nahe.

Es geht darum, dass die Datenströme uns verschlingen wollen, sie wollen uns in ihre Untiefen ziehen, hinab in ihren Pixelschlamm.

Der dritte Tag meiner Aktion NO INTERNET liegt hinter mir. Ich kann kaum noch. Ich halte es nicht mehr aus. Verzweiflung macht sich breit. Meine Augen treten aus den Höhlen. Blasen haben sich auf der Haut gebildet, einer Haut, die sich allmählich löst. Streifenweise liegt sie herum.

In der Nacht träumte ich, fiebergeschüttelt, das Internet würde mich rufen, mit einer tiefen Stimme sprach es  mich an. „GUIDO!“, rief es. Und wieder: „GUIDO! KOMM UND LOG DICH EIN. MELDE DICH BEI FACEBOOK AN UND LIKE ETWAS.“

Mein Körper krümmte sich. Ich bäumte mich auf. Nein, du Hexe, dachte ich. Schrie es! Du wirst meine arme Seele nicht in deine Fänge bekommen. Schatten erhoben sich in meinen Träumen. Klauen, die mich packen wollten. Sie hielten einen Karton und eine Kordel. Würde ich mich nicht wehren, sie würden mich packen. Ich musste erwachen.

Denn darum geht es, liebe Schwestern und Brüder, um das Erwachen. Folgt mir auf meinem Weg durch das tiefe Tal der Tränen. Ans Sonnenlicht werde ich euch führen. Hört auf mich und meine innere Stimme. FOLGT MIR! JETZT!

Ich habe beschlossen, eine Erweckungszeitschrift namens „Der Wachtturm“ herauszugeben. Um rechtlichen Schwierigkeiten mit den Zeugen Jehovas aus dem Weg zu gehen, wäre ich auch bereit, mein kommendes Instrument der Aufklärung „Der Achtturm“ zu nennen. Ich und ihr werden an den Straßenecken stehen, um von der Wiederkunft der Schreibmaschine zu künden. Groß ist ihre Macht und ihre Herrlichkeit, Amen. Widersagt dem Internetsatan, der euch auf verkommene Pornoseiten führen will. Der euch mit Handytarifen überschüttet. Der euch in den Dreck zieht. Kommt und sehet, dass es Hilfe gibt. Werdet Teil meiner Kirche.

Meine Frau behauptet, mein Geist hätte sich in eine Nebelbank des Irrsinns zurückgezogen. Das arme Ding. Der Internetsatan ist bereits in sie gefahren. Ich werde sie exorzieren müssen, wenn es sein muss, auch gegen ihren Willen, indem ich sie an die Pfosten unseres Bettes fessle. Keine Pfosten. Eben fiel es mir als Vision vom Himmel in die Augen. Wir haben keine Pfosten, die geeignet für eine Fesselung sind. Wo soll der Exorzismus stattfinden? Ich könnte es heimlich tun. Während sie liest oder fernsieht. Ich würde meine Gebete murmeln und sie mit Weihwasser bespritzen. Nicht zu viel, damit sie es nicht bemerkt.

Verrückt. Es gibt bereits familieninterne Stimmen, die mir einreden wollen, ich sei verrückt. Nein, das bin ich nicht. Das unaufhörliche Zucken meines linken Augenlids wird sich legen. Es wird verschwinden, wie es gekommen ist. Ich bin hier nicht der dem Wahnsinn verfallene. Ihr seid es, die ihr nicht erkennen wollt, in welch einer Sklaverei ihr lebt.

BEFREIT EUCH!

HEUTE NOCH!

IV

Erschöpfung. Ich bin am Ende. (Das mag an unserer kleinen Nadelöhrwohnung liegen. Zwei Schritte und man hat sie durchquert.) Ich leide den Durst eines in der Wüste ausgesetzten Sträflings. (Gab es so etwas in der Geschichte überhaupt? Anm. an mich: Zur Not streichen.) Mit letzter Kraft schleppe ich mich dahin. Robbe auf den Unterarmen. Suchen verzweifelt nach einer digitalen Oase. Nach Facebook-Palmen. Einem Twitter-Wasserfall. Die Zunge hängt mir aus dem Mund. Sie scheuert den Boden.

Meine Frau mischt sich ein, meint, das wäre eine gute Gelegenheit, wieder mal trocken durchzuwischen. Im nächsten Moment schnappt sie sich meine Beine und rasiert die Staubflusen vom Parkett. Ich würde mich gut als Reinigungsmop machen. Talente hätte jeder, erklärt sie. Man müsse sie nur zu erkennen wissen. Viel Geld hätte ich im Hygienesektor verdienen können, sagt meine Frau. Hört, hört.

Mir ist das alles einerlei. Ich habe längst mit dem Leben abgeschlossen. Diesem Überangebotsdasein.

Ich habe versagt. Habe dem Leben nicht die Realität abtrotzen können, die ich in ihm entdecken wollte. Wurde nicht zu dem Fels, auf dem die Internetgegner ihre Kirche erbauen sollten, auch wenn ich dies die letzten Tage von mir behauptete.

Ein Versager. Wenn ich das doch wäre, alles wäre leichter, einfacher.

Einer, der sich etwas versagen kann, hat sich unter Kontrolle. Nichts von dem, was ich wollte, habe ich eingelöst. Stattdessen werde ich in die Hallen des Internet zurückkehren. Eine kleine Pause bitte ich mir dennoch aus. Ich werde sie nutzen, um eine Kreuzfahrt zu machen. Um mich mit Luxusgütern zu umgeben, die mich ein wenig von meiner Schmach ablenken sollen. Ob sie es können? Ich bezweifle es.

Luxus währt ein Schaumbad lang. Nicht länger.

Vier Tage währte mein Versuch, sich den neuen Medien zu widersetzen. Widerstand wollte ich leisten, und wurde doch nur schwächer und schwächer, bis ich mich schließlich in meiner eigenen Wohnung als Mop wiederfand.

So geht es einem, der der Neuzeit ins Antlitz spucken wollte. Der die Moderne durch eine Reise in die Vergangenheit auf ein stabileres Podest heben wollte.

Langsamkeit. Entschleunigung. Langeweile. Dies waren die Schlagbegriffe, mit denen ich meinen Krieg führen wollte. Ich bin gescheitert.

Und so ende ich als ein Reinigungsgerät, das über einen Facebook- und Twitteraccount verfügt.

Was bleibt, ist das Gefühl von Scham.

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