Freitag II

Ich hasse Anzüge. Als Kind fuhren wir mit ihnen ständig im Aufzug rauf und runter, bis der neue Anzug völlig zerschlissen war. Die Geschwindigkeit. Die Anzüge hielten die Geschwindigkeit nicht aus. Sie fraß uns den Stoff förmlich von den Körpern. Dreimal in einem Hochhaus mit drei Stockwerken hoch und runter reichten aus, um unten nackt auszusteigen. Wie die Omas schrien. Mama und Papa, die ihr letztes Geld für den Anzug gegeben hatten. Die ihn sich vom Mund abgespart hatten. Keine Lippenstifte für Mama. Keine für Papa. Und das einen ganzen Monat lang. „Tu das nie wieder“, bat mich Mama, aber wir konnten nicht an uns halten. War der nächste Anzug erst angezogen, spurteten wir zu einem der Hochhäuser. Und wieder rein in den Aufzug. Drücken. Die Fliehkraft presste uns gegen den Boden. Wir hatten das Gefühl, unsere Gesichter würden zerspringen. Wir erreichten Überschallgeschwindigkeit. Gott, wer hatte diese Aufzüge nur erfunden? Es musste ein Anzughasser gewesen sein. Einer, der über die Möglichkeiten der Aufzugtechnik und seinen Sonntagsanzug nachgedacht hatte. Bis er die Lösung gefunden hatte. Aufzüge, die schneller als das Licht waren. Aufzüge, die Anzüge hassten. So wie wir. Ja, wir verstanden uns damals. Die Aufzüge und wir.

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