Freitag

In einem meiner Briefe an mich, beschwere ich mich, dass ich zu einem Rumschreiber geworden bin. Die Rumschreiberei, die ist von den Situationisten rund um Guy Debord entwickelt worden. Die rieten, dass man sich schreiben lassen sollte. Kein festes Ziel mehr. Wort für Wort schreibt man sich durch das weiße Blatt, ohne einen Plan zu haben, wohin man will. Man schreibt sich über Bänke und Bäume, verlässt die Fußgängerwege, die nicht umsonst Bürgersteige heißen. Bürgersteig, allein das Wort ist ein Verrat an den Idealen der Antibürgerbewegung von 1968.

Ich mache das also so, wie es von Guy eingefordert wurde, ich lasse mich auf keinen Kompromiss ein. Mein nächster Roman wird auch keinen Weg mehr haben, der wird sich quer durch die Romanlandschaft bewegen, von A nach Y und von G nach R, ein völlig unkontrolliertes Schreiben, ähnlich dem automatischen Schreiben der Surrealisten, damit mein Hirn, nennen wir es Seele oder Fantasie, sich frei entwickeln kann. Eine lange Free-Jazz-Improvisation, die von mir handelt. Von wem sonst? Mich habe ich doch den ganzen Tag um mich, da liegt es nahe, über mich zu schreiben beziehungsweise mich als Helden zu benutzen, der kein Held ist, sondern ein Rumschreiber, der keinen festen literarischen Wohnsitz aufzuweisen hat, der die Leute um ein paar Buchstaben oder Wörter anhaut. Ich sitze in der Fußgängerzone (wie das schon klingt? Das klingt nach einem Todesstreifen), ich und mein Hund Rechner, und bettel die Leute an. Und abends packe ich meine Sachen zusammen und schwanke rüber ins Nachtasyl, um mich vor der Nacht zu schützen, vor der Dunkelheit, dem Nichts, und dort werde ich liegen, mit all den anderen Rumschreibern, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden, weil sie kein Thema aufzuweisen hatten, keine Idee, keine Form und auch sonst nichts, was vonnöten ist, will man sich gut verkaufen. Wer sich nicht verkauft, der muss sich in die Wildnis begeben, hin zu den Wölfen und Urahnen, die durch die Finsternis spuken; zu all denen, die sich ebenfalls nicht verkaufen lassen.

Sie sehen bereits an diesem kurzen Beispiel, dass mit mir nicht viel los ist. Rumschreiber, die sind eine Warnung für die fest angestellten Lohnschreiber, wohin der Weg gehen kann, wenn man sich mit dem System anlegt.

Guten Morgen, Welt!

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