Donnerstag II

Ich solle endlich einmal etwas Wirkliches über meine Wirklichkeit schreiben, werde ich oft in Leserbriefen aufgefordert, die ich mir selber schreibe, weil es ja sonst niemand tut.

Ich denke lange über meinen Brief nach. Ich verstehe gar nicht, was ich von mir will, weil ich doch täglich nichts anderes mache, als Wirklichkeit zu fabrizieren. Ich könnte bereits meine Wohnung mit ihr tapezieren, so viel Wirklichkeit fliegt hier rum. Am Ende eines jeden Briefs bedanke ich mich bei mir für meinen Fleiß. Rot werde ich, ein wenig zumindest. Ich habe mich überraschen können.

Sich noch überraschen können, ist nicht die schlechteste Methode, sich am Leben zu erhalten. Wer sich selber überrascht, der überrascht auch andere, hat meine Mutter oft zu meinem Vater gesagt, und dann hat sie seine Koffer gepackt, damit er auszieht. Ein bis drei Wochen. Nie länger. Trennung auf Zeit, damit die Beziehung sich erholen kann. Sie haben sich dann irgendwo in der Stadt verabredet und neu kennengelernt. Waren ganz überrascht, sich noch nie über den Weg gelaufen zu sein. Drei Hochzeiten im Jahr. Das muss eine gute Ehe aushalten, hat meine Mutter gesagt.

Über all das denke ich nach. Wieder habe ich Wirklichkeit produziert. Worüber beschwere ich mich also? Ich zerreiße meinen Brief an mich und werfe ihn zu den anderen. Dreitausend Briefe sind so im Laufe meines Lebens entstanden. Vielleicht werde ich sie irgendwann herausgeben. Unter dem Titel: Liebes Ich – Briefe von mir an mich.

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