Dienstag II

Ich werde auf die Buchmesse fahren, ohne zu wissen, was ich dort tun soll. Über mein Buch reden, das mir selbst ein Rätsel ist? Würde ich wissen, warum ich schreibe, würde ich es nicht mehr tun. Wenn ich auf Kollegen treffe, die mir Regeln an die Hand geben, die mir erzählen wollen, sie wüssten, was beim Schreiben zu beachten ist, nehme ich Reißaus. Das sind doch Literaturwirtshausbesitzer, aber keine Schriftsteller. Die können dich bedienen, aber nicht beschämen. Die sind mir die liebsten, die mich mit ihren Büchern beschämen, die mich an die Wand drücken, die mich mit einem Satz noch überraschen können. Der muss ihnen in der Hand aufblitzen, wie ein Messer. Die anderen kann man getrost vergessen. Man kann sie auf Parkbänken liegenlassen, an die Tauben verfüttern. Die werden sie auch nicht vertragen.

Nichts weiß ich. Und deshalb schreibe ich doch. Um mich Wort für Wort auszuquetschen. Immer in der Hoffnung, dass eins darunter ist, das etwas mit mir zu tun hat. Tatsächlich zu tun hat. Bisher habe ich noch keins gefunden. Vielleicht ist es mir auch entwischt. Bei der Unzahl an Worten, die ich erbreche, muss man von einer Krankheit ausgehen. Von einem grippalen Infekt. Einer Verschleimung des Hirns. Herzkammerflimmern. Das ist einmal ein Wort, mit dem ich etwas anfangen kann. Weil es schön ist. Als Wort. Rein schön. Versteht ihr das? Ihr sollt nicht hinter das Wort blicken, sondern auf es. Nehmt die Bedeutungen fort, die sie euch gelehrt haben. Herzkammerflimmern. Wer würde nicht gerne in einer Herzkammer wohnen. Oberhalb der Herzstraße. Und wenn es Nacht wird, und die Sterne ihr weit entferntes Licht senden, wenn sie ihre Funksignale aus der Vergangenheit senden, und das Licht sich in der Herzkammer verirrt, kann es geschehen, dass ein Flimmern durch den Raum schwebt. Das Herzkammerflimmern. Da ist es ja.

Und wenn ihr jetzt denkt, ich hätte euch irgendetwas erklärt, das von Belang für euch ist, vergesst es. Da ist nichts. Ich weiß nichts. Ich hoffe, ihr auch nicht.

 

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