Halbschattengewächse (Fragment)

Mein letzter Fall hatte, wie Sie wissen, hohe Wellen geschlagen. Ich war vom Polizeipräsidenten höchstpersönlich suspendiert worden.

Ich saß gerade bei einem gemütlichen Whiskey in meinem Büro, als der Präsident hereinstürmte. Er machte mir wegen der zahllosen Toten Vorhaltungen, die ich ignorierte, indem ich die Morgenzeitung durchblätterte. Wieder mal nur Unsinn, den niemand interessierte. Man hatte im Osten der Stadt eine Bushaltestelle eingeweiht. Der Bürgermeister und noch einige andere Politiker lachten dumm in die Kamera. Schließlich, man hat ja eine gewisse Kinderstube aufzuweisen, hob ich doch meinen Kopf und drehte die Augen in Richtung des Polizeipräsidenten, der so fett war, dass er bereits sein ganzes Hemd durchgeschwitzt hatte. Es war widerlich. Ich mochte gar nicht hinsehen, konnte meinen Blick aber auch nicht schweifen lassen, weil das ein gewisses Desinteresse zum Ausdruck gebracht hätte.

„Das wird nichts mehr mit ihnen, Hesse!“, sagte er gerade.

„Ja“, sagte ich. „Guter Einwand. Das sagt meine Frau auch ständig.“

Der Polizeipräsident, dessen Name ich vergessen hatte, lief aufgeregt auf und ab. Ich hätte ihn zu gerne nach seinem Namen gefragt, unterließ es aber. Es hätte den wild gestikulierenden Mann weiter unnötig aufgebracht. Um ihm zu zeigen, dass ich seine Worte ernst nahm, stellte ich mein Whiskeyglas zur Seite.

Alkohol wird im Dienst nicht gern gesehen, auch wenn es Teil des allgemeinen Dienstgebarens ist, den einen oder anderen Schluck zu trinken. Bei uns, das wissen eigentlich alle, außer der Öffentlichkeit, trinkt jeder. Selbst die Putzfrauen trinken. Ich habe die norddeutsch aussehenden Frauen, die aus Süddeutschland stammen sollen, schon öfter beim gemütlichen Cocktailplausch erwischt.

„Na, na, meine Damen“, sagte ich dann zu ihnen, „Sie werden doch nicht alleine trinken wollen!“

Eilig mischten sie mir einen Sex on the beach oder Harlem Hot Sex.

Gute Frauen, die es im Hygienegewerbe noch weit bringen werden. Ich ließ ihnen extra einen Teil der Küche mit unseren Tatortbändern absperren, den wir anschließend mit kleinen bunten Schirmchen schmückten.

Die Einweihungsfete unserer kleinen Cocktailbar zog sich bis in die frühen Morgenstunden hin.

Ich musste gerade daran denken, als mich die harschen Worte des Polizeipräsidenten in die Wirklichkeit zurückholten. Er führte eben aus, dass er mich nicht länger halten könne. Es sei an der Zeit, dass ich mich in eine Art Zwangsurlaub verabschiede.

„Sie sind suspendiert“, keuchte er.

Ich machte mir Sorgen um den guten Mann. Er aß im Übermaß, trank aber viel zu wenig. Ob ich ihm doch einen Whiskey anbieten sollte?

Lieder nicht! Wer weiß, wie er mein laxes Verhalten aufnahm. Ich konnte nicht noch mehr Zornesröte in seinem Gesicht riskieren. Am Ende fiel er noch ausgerechnet in meinem Büro tot um. Und dann? Man würde mir den Herzinfarkt zur Last legen. Die Presse würde sich auf mich stürzen. Man würde meine unmittelbare Suspendierung einfordern. Ich wäre im Arsch! Dabei hatte ich genug Ärger. Auch waren noch nicht alle Fälle der letzten Woche gelöst, so etwa der „Fall des toten Leichnams“ oder „Der Fall der trüben Tasse“. Nein! Die Gerechtigkeit brauchte mich. Ich durfte sie auf keinen Fall im Stich lassen.

Ich schreckte mich mit einer plötzlich in den Raum geschleuderten Frage aus meinen Gedanken auf: „Was haben sie gesagt?“

Da war es. Die Röte! Der Polizeipräsident stampfte wie ein wild gewordenes Kind auf und verlangte, dass man mich aus meinem Stuhl entfernte.

„Sie meinen …?“, fragte ich.

„Ich meine, dass wir Sie uns nicht länger leisten können, Hesse!“

Ha! Da war es wieder. Mein Name. Aber wie hieß er? Ich müsste es mit einem Trick versuchen.

„Sie wollen damit also sagen, Herr …“

Jetzt musste er mit seinem Namen rausrücken. Es bleib ihm gar nichts anderes übrig. Ich hatte ihn an der Angel. Da, er zappelte bereits. Oder war das der befürchtete Herzinfarkt? Was sollte ich tun? Ich zögerte. Noch wollte ich keine Hilfe holen! Man würde wieder alles mir in die Schuhe schieben.

Als ausgebildeter Polizist tat ich das, was man mir beigebracht hatte. Ich blickte mich mehrmals um und verließ den Tatort, um später, wenn alles vorbei war, zurückzukehren, um Zeugen zu befragen, die etwas gesehen haben könnten.

Der Mann, dessen Namen ich nicht kannte, lag wie erstarrt zu meinen Füßen.

„Hesse“, blubberte es aus seinem Mund.

Ich würde seinen Namen schon noch erfahren. Spätestens aus der Todesanzeige in der Zeitung.

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