Auf der anderen Seite ist es grüner

Das bin ich! Stehe wie ein Grashalm an der Grenze zum Nachbargrundstück. Wehe hin und her. Da sieht man nicht allerhand, aber manches. Die Perspektive wechselt unaufhörlich, auch wenn perspektivisch alles beim Alten bleibt. Ich blicke auf Gras, denn mehr befindet sich auf dem Land auf der anderen Seite nicht. Es wächst aus der Erde hinaus, was auf eine gewisse Verbundenheit schließen lässt. Der Wind hat mit ihm ebenso leichtes Spiel wie mit mir. Es lebt dort, ich hier. Beide tanzen wir.

Lebe seit Erstgedenken hier an diesem Ort. Manchmal kommt ein Bauer, der etwas weiter unterhalb mäht. Das ist kein Kinderspiel, sondern Völkermord. Körper um Körper fallen die Genossen, mit denen ich nie sprach. Sie glichen mir in Aussehen und in meinen Bewegungen. Man könnte sagen, dass es sich hier um einen gigantischen Open-Air-Ballsaal handelt, in dem wir seit unserer Aussaat beziehungsweise nach dem In-die-Höhe-schießen, mit Unterstützung des Wind- und Wetterorchesters, tanzen.

Ich gelte als ausgemachter Charmeur, der schon so manche Ziege, die sich an mir vergehen wollte, um den Verstand gebracht hat. Gott, so muss es sein, stand auf meiner Seite, wurden doch bereits drei Ziegen von seinen Blitzen dahingerafft. Tod durch Gotteszorn!

Es nicht leicht, an der Grenze zu einem anderen Grundstück aufzuwachsen. Das Gras auf der anderen Seite ist grüner. Die Kühe haben weitaus mehr weiße Flecken. Dort gibt es auch keine Diktatur. Nirgendwo ein Bauer, der sich an den Halmen vergreift. Freiheit, so weit das Auge reicht. Nicht mal Kinder, die sich mit einer Decke auf einen setzen wollen. Oder die einen – noch schlimmer – wie eine Wimper aus der Erde ziehen wollen. Das ist auch keine Art. So etwas schickt und gehört sich nicht.

Woher ich komme, kann ich nicht sagen. Vielleicht aus Ungarn oder aus Rumänien. Ich habe andere Halme darüber flüstern hören.

Als Grenzhalm muss man auf der Hut sein. Man muss die Lage des gegenüberliegenden Grundstücks ebenso im Blick haben, wie die Entwicklungen im eigenen Land, sonst versäumt man die gewaltigen Veränderungen, wie die Baumaßnahmen, denen das Grundstück hinter mir (an das ich nicht grenze, nicht unbedingt, also nicht in Form meines Halmkörpers) zum Opfer gefallen ist.

Wie ich von einem Schmetterling hörte, der sich kürzlich auf meiner Spitze niedergelassen hat, wird dort ein Schwimmbad entstehen.

„Ja, was ist denn das?“ habe ich ihn gefragt.

„Das ist ein Ort, an dem sich die Menschen versammeln, um sich der Sonne auszusetzen, und wenn sie genug von ihr haben, springen sie in einen künstlich angelegten See, um sich abzukühlen.“

„Klingt doch sehr widersinnig“, erklärte ich.

„Menschen“, gab der Schmetterling zurück, als würde das alles erklären.

Eben, es gibt ja stets ein erlebtes Eben, fährt ein Wind über mich hinweg, der es in sich hat. Winde können zornige Gesellen sein. Ich habe mal von einem gehört, der sich in einem Baum einnistete, und als der Baum nach ein paar Wochen verlangte, dass der Wind sich ein neues Zuhause suchen sollte, hat besagter Wind mit dem Baum kurzen Prozess gemacht. Er hat ihn samt Wurzelwerk, und der Baum war wirklich ein sehr bodenständiger und sehr verwurzelter Baum, ausgerissen und wie einen Speer quer über das Feld jenseits der drei Felder, die ich meine zu kennen, geworfen. Dort blieb der Baum mit seinen Ästen stecken und diente fortan als Mahnmal für alle Bäume der Umgebung.

Legt euch nicht mit Winden an, lautete die Botschaft.

Ich lege also meine Ohren an, bis der Wind wieder abflaut, weil ich keinen Ärger mit was für einem Wind auch immer haben möchte.

Man hat nur dieses eine Halmleben, das sollte man nicht vertun, indem man sich mit den falschen Elementen anlegt. Hübsch in der Sonne stehen, hoffen, dass der Mähdrescher die anderen einen Kopf kürzer macht, das ist alles, was ich im Moment tun kann.

Beruflich tut sich wenig. Was soll ein einfacher Halm hier auch erreichen. Ich könnte eine Karriere als Baum anstreben, oder als Sonnenblume. Sonnenblumen sind die Stars auf unserer Wiese, die ich seitlich einsehe. Sie recken ihre Köpfe, bis ein Mädchen kommt, kreischend, und es aus der Erde reißt, damit sein toter Leib die Mutter erfreut. Krank ist das. Und Mädchen sind Geschöpfe der Hölle.

Ich beobachte das Nachbargrundstück. Seit Tagen grünt es dort grüner als auf allen Wiesen des Universums. Könnte ich doch nur auswandern. Mein Glück, es sprießt keine drei Meter entfernt.

Ich habe von Schleuserbanden erfahren, die sich um den Transport eines sehnsüchtigen Halms kümmern. Ich würde gerne mit ihnen Kontakt aufnehmen. Mit jedem Tag, den ich länger an diesem Ort des Trübsinns bleibe, verkümmere ich mehr. Außerdem kam der Mähdrescher beim letzten Mal bedrohlich nahe.

Die Hölle ist es, das Paradies zu sehen, es aber nicht bewohnen zu dürfen.  An der Schwelle zum Glück zu leben, ohne sie je überschreiten zu können, das nenne ich Unglück.

Ich habe versucht, mit einem der neben mir lebenden Halme ein Gespräch anzufangen. Weit gefehlt. Das Pack macht einen auf Gewächs und antwortet mir nicht. Ich muss vorsichtig sein. Denunzianten gibt es überall.

Sollte die Flucht mir unmöglich sein, werde ich es trotzdem versuchen. Es muss doch möglich sein, drei bis vier Meter zu laufen, oder sich vom Wind tragen zu lassen.

Drüben ist es grüner. Das weiß doch hoffentlich kein Kind.

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