Walsonntag

Walsonntag.

Wir haben uns extra einen Wal besorgt. Einen besonders großen. Er passte leider nicht in unsere Wohnung, deshalb haben wir ihm eine Walkabine bauen lassen. Aus Glas und Sperrholz, das herumlag.

Sperrholz versperrt den Weg. Und es ist faul. Das hat schon meine Mutter gesagt. Sie hat das Sperrholz aus dem Weg räumen lassen. Von einem Auftragskiller. Er tötete lautlos und schnell. So lautlos und schnell, dass wir nie etwas mitbekamen. Er schlich sich in der Nacht auf unser Grundstück, und wenn wir am Morgen erwachten, konnten wir sehen, was er angerichtet hatte. Totes Sperrholz. Das andere Holz, das hart arbeitete, sommers wie winters, das sich zusammenzog, auseinanderbog, hielt die Luft an. Meine Mutter beruhigte das gemeine Volksholz. Es hätte nichts zu befürchten. „Wer arbeitet, wird hier stets einen Platz haben“, pflegte Mutter zu sagen. Das Holz der Fenster und Türrahmen atmete erleichtert auf. So deutlich hatte noch kein Hausbesitzer zu ihnen gesprochen.

Hausbesitz verpflichtet. Man muss mit dem Haus ein paar Runden laufen. Morgens vor dem Frühstück. Abends. Unsere Hausbesitzer trafen sich weit hinten auf einem offenen Feld. Dort standen sie, an ihren Leinen die Häuser, die sich gegenseitig beschnupperten, und sie unterhielten sich über das offene Feld. So etwas dürfe man nicht dulden, sagten manche. Ein offenes Feld sei wie eine Krankheit. Eine feste Meinung müsse doch jeder haben. Auch dieses Feld. Sie stießen Feldstecher ins Feld, bis es aufgab, ein offenes Feld zu sein. Es bekannte sich zur CDU/CSU. Es machte mich traurig, mit ansehen zu müssen, wie man dieses Feld erzog. Nachher litt es an Depressionen. Es wuchs nichts mehr auf ihm. Man lieferte es in eine Spezialklinik ein, um es mit Düngemitteln zu behandeln. Ich hörte nie wieder etwas von ihm. Es ist bestimmt eingegangen. Eingegangen, so nennen die Wald- und Wiesenprediger den Heimgang ins Himmelreich.

Zurück zu unserem Wal, den wir von einer Küste abkauften, auf der er strandete. Er hatte sich für drei Wochen dort eingemietet. Auch Wale brauchen hin und wieder mal Urlaub. Er strandete auf vierhundert Touristen. Das war ein Teil des im Prospekt angepriesenen Animationsprogramms. Sie bekamen ihn nicht mehr zurück ins Wasser. Landflucht.

Seit drei Tagen liegt er jetzt in seiner Walkabine. Wir sind seit dem frühen Morgen auf, um zu wälen. Wenn man lange genug wält, stirbt der Wal. Wir haben eine Walurne für ihn besorgt.

Noch treibt er in seiner Kabine. Er treibt es mit dreißig Fischen, deren Herkunft ich nicht kenne. Meine Frau meint, es wären Flittchenfische. Nie von ihnen gehört.

Gleich fängt das Walprogramm an. Der Wal wird uns seine einzelnen Programmpunkte vorschwimmen. Etwa den Mindestlohn. Oder die Erhöhung der Vermögenssteuer. Vermögenssteuer werden in einem bayerischen Werk hergestellt. Sie sind aus Gold, und sie sind mit Diamanten besetzet. Ich bin ein Gegner der Vermögenssteuer. So etwas ist unredlich. Es gehört sich nicht. Man sollte stattdessen die Armensteuer unterstützen, damit sich jeder ein Steuer leisten kann.

Ich hoffe, Sie haben auch einen Wal an diesem Walsonntag. So viel Spaß hatten wir schon lange nicht mehr.

Nachher kommen die Nachbarn, um ihn auch mal zu wälen. Alle schneiden Kreuze in seine Haut, hunderte davon, tausende, bis er verstirbt. Das ist keine Tierquälerei, sondern eine alte demokratische Tradition. Dazu später mehr.

Guten Morgen, Welt!

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