Marcel Reich-Ranicki

Jetzt ist er tot. Im Jenseits. Wo immer das ist. Hier ist es nicht. Oder vielleicht doch? Das ist ja das Elend mit diesem Leben, dass es zuweilen wie ein vorgegriffenes Ableben wirkt. Man sitzt herum und kratzt sich an der Schulter, die auch die eines anderen sein könnte.

Der große Kritiker Marcel Reich-Ranicki ist gestorben. Dabei war er gar nicht so groß. Als er hier bei uns im Stadtschloss in Fulda las, da saß ich in der fünfundvierzigsten Reihe, sodass ich den Kopf recken und strecken musste, um ihn zu erblicken. Ganz entsetzt war ich, weil er in Wirklichkeit viel kleiner wirkte. Das Fernsehen macht dicker, aber scheinbar auch größer. Er las damals aus „Mein Leben“. Sein Leben. Das war so geschrieben, wie er sprach. Er stellte sich eine Frage: Warum ist das so? Und dann gab er sich die Antwort.

Das muss schon ein kluger Mann sein, dachte ich, der sich Fragen stellt, um sie sich, ohne lange Nachdenken zu müssen, selbst zu beantworten.

Und jetzt ist er gestorben. 93 Jahre ist er geworden.

„Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s