Sonntag

Ich habe meinen ersten Roman mit sieben Jahren geschrieben. Oder war ich drei? Meine Eltern waren daran schuld. Sie verlangten, dass ich einen Roman schreibe. „Wenn du keinen schreibst, werden wir dich ins Waisenhaus geben müssen“. Das zog. Ich setzte mich also in meinen Laufstall und dachte über den widersinnigen Charakter dieses kleinen Korbs nach. Innerhalb von wenigen Tagen schrieb ich „Im Laufstall“, der von einem Baby handelt, das zum Tode verurteilt wird, weil es nachts jagt auf andere Babys macht. Die Fahndung läuft auf Hochtouren. Die Polizisten observieren alle Laufställe der Umgebung. Sie fahren mit ihren Bobby-Cars Streife, bis sie das Mörderbaby auf frischer Tat erwischen. Sie buchten es ein.

Es wurde ein großer, tragischer Roman, der sich mit Themen wie Schuld und Unzurechnungsfähigkeit auseinandersetzte.

Kein Verlag wollte ihn haben, also brachte ihn mein Vater im Eigenverlag heraus. Er kopierte die eine Seite und verkaufte sie direkt vor unserem Haus. Er ließ meine Geschwister Plakate malen, auf denen zu lesen stand: Schocker, Bluttriefend, Gewalttätig. Die Leute rissen ihm meinen ersten Roman, der, obwohl er nur eine Seite kurz war, siebenundneunzig Kapitel aufzuweisen hatte, aus den Händen. Sie schleppten ihn nach Hause. Innerhalb kürzester Zeit wurde ich zum Star der Literaturszene unserer Straße. Es kamen sogar Familien aus anderen Vierteln, um mich beim Kuchenbacken im Sandkasten zu beobachten. Sie konnten gar nicht glauben, dass ein so normales Kind einen solchen Roman schreiben konnte. Die Sprache wäre ausgefeilt. Das stimmte. Ich hatte dazu die Nagelfeile meiner Mutter benutzt. Hatte sie stundenlang über die einzelnen Buchstaben gezogen, bis nichts mehr zu erkennen war. Ich schrieb den ersten fantastischen Roman der Familie, einer, der die Fantasie anregte, weil jeder – dank meiner Feile – etwas anderes las. Eine ganz neue Form der Literatur. Die Gesprächsrunden an der Tischtennisplatte gerieten schnell außer Rand und Band. Es kam zu Schlägereien zwischen den Kritikern, weil jeder einen anderen Text gelesen hatte.

Rasch forderten meine Eltern Nachschub. Ein solcher Erfolg musste wiederholt werden. Sie schlossen mich in meinen Laufstall. Sagten: „Du kommst hier erst wieder raus, wenn du einen zweiseitigen Roman abgeliefert hast.“ Zwei Seiten. Wie sollte ich das schaffen? Ich konnte erst acht Buchstaben malen. Das war zu wenig für zwei Seiten. Schweiß tropfte von meiner Stirn. Weichte die Papiere ein.

Es war mein Vater, der meine neue Technik zuerst entdeckte. „Jetzt schreibt er mit Schweiß!“ Er hielt das nasse Papier triumphierend in die Luft. Die Kopien wurden von meinen Geschwistern vollgeschwitzt. Mein nächster Megaerfolg. Ein Schweißroman.

Den Rest der Geschichte kennen Sie! „Blut ist ein Fluss„, „Blutschneise„. Titel, die längst in jedem deutschen Wohnzimmerschrank zu finden sind.

Guten Morgen, Welt!

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