Dienstag

Ich zuckte zusammen. Was war das?

Eine riesige Spinne hatte meine rechte Hand angefallen. Ich hatte schon von diesen Monstern gehört. Oder geträumt? Fliegende Spinnen, die sich auf rechte Schriftstellerhände spezialisiert hatten. Sie stürzten sich von der Decke, an der sie sich oft über Tage festhielten. Mit ihren an den Füßen befestigten Saugnäpfen. Dort saßen sie und harrten der rechten Hand, die kommen musste. Nie erwischte es eine linke Hand. Beine überhaupt nie. Bäuche schienen tabu.

Ich schüttelte sie von meiner Hand, dieser für mich so lebenswichtigen Hand, die ich noch brauchte. Was würde ich ohne sie tun? Umsatteln auf die linke Hand. Meine Kollegen würden mich auslachen. Ich würde zum Gespött des Betriebs. Da kommt er, der linke Autor, würden sie feixen. Sie würden mich auf der bald beginnenden Buchmesse nachäffen. Ich sah es bereits vor mir. Eine Gruppe halbstarker Autoren des Suhrkamp-Verlags, die hinter mir herliefen und mit der linken Hand in die Luft tippten.

Rasch untersuchte ich mein Schreibwerkzeug. Nichts geschehen, zumindest sah es so aus. Nur diese kleine Schwellung, die sicherlich zurückgehen würde. Und die Spinne? Sie war mir entkommen, war unter den Schreibtisch gehuscht und klammerte sich mit ihren Saugnäpfen an die Wand. Sie war außer Atem. Das konnte man ihr ansehen. Der Angriff hatte sie Kraft gekostet. Ich nahm einen Schluck von meinem Kaffee. Kaffee hilft gegen alles. Ein altes Rezept meiner Großmutter, die selig gegen Ende ihres Leben gestorben war. Sie war im Schlaf gegangen. Hatte sich mit 103 Jahren dazu entschieden, nicht mehr zu erwachen. Dazu später mehr.

Meine Frau kam um die Ecke gezischt. Marielle, mein stets geiles Eheweib. Wollte sie jetzt Sex? Ich würde nicht können. Ich starb. Und dies jämmerlich.

„Da, da, da“ stotterte ich und zeigte auf die Fliegenspinne, die sich unschuldig gab. Die aussah, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Die reine Ausgeburt der Hölle.

Marielle griff beherzt nach der Fliegenklatsche. Sie schlug zu: einmal, zweimal, unzählige Male. Sie schlug sich in einen regelrechten Rausch. Erschrocken zersprang das Tier in tausend Einzelteile. Keine Chance, sie noch mal zusammenzukleben. Aber wer wollte das schon? Ich nicht!

Es ist Wahnsinn, heller Wahnsinn, was ich täglich so erlebe.

Guten Morgen, Welt!

Advertisements

Ein Gedanke zu “Dienstag

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s