Mittwoch II

Der Sommer ist zurück.

Da steht er, ein Muskelprotz, den man nicht übersehen kann. Strahlendes Lächeln. Sonnenblumengelbes Haar. Die Zähne gebleckt. Und alle sitzen sie auf ihren Terrassen, den Balkonen. Sonnenbrillenbewaffnet starren sie ihn an. Jede Sekunde wird er hinabsteigen, er wird Autogrammkarten verteilen, einen Film drehen. Sie werden ihm eine Serie geben, werden ihn vom Koks abhängig machen. Nutten werden ihm zugeführt. Und er wird es genießen, wird sagen: Ja, ich bin es, der einzigartige Sommer.

Die Zeitungen werden ihn preisen, bis sie die Schnauze voll von ihm haben. Er sei gar kein richtiger Sommer. Sei ein Altweibersommer, einer, der es den alten Schreckschrauben besorgen könnte, nicht aber den jungen, den ausgehungerten Frauen. Die bräuchten – bitte sehr! – etwas mehr. Den harten Sommer, den langen Sommer. Den Sommer, der es bringt. Den Steher. Der mit dem Ständer, der sie alle um ihren Verstand vögeln würde. Einen Südseesommer, einen kubanischen Sommer. Einen Sommer, der sein Leben noch vor sich hat.

Nicht dich!, werden sie rufen. Du bist eine Null. Du bist der, dem der Winter folgt. Der Winter hängt dir bereits im Gefieder. Du hast den Herbst deines Lebens bald schon erreicht.

Und er, der Altweibersommer, der es noch einmal wissen wollte, wird sich in ein Motel zurückziehen. Er wird sich an sich selbst betrinken. Wird sich im Spiegel betrachten. Wird sehen, dass sie recht haben. Er wird am Ende sein. Er ist ausgebrannt.

Er wird sich verkriechen unter dem Bett, er wird vor den grauen Tagen fliehen, die ihn einholen werden. Sie zerren ihn hinaus. Sie werden ihm eine Kugel verpassen. Eine kleine, zärtliche Kugel.

Und während er stirbt, während das Blut ihn verlässt, wie ihn alle verließen, wird er von seiner Zeit träumen, von seinem Sommer, in der Gewissheit, dass im nächsten Jahr seinem Nachfolger dasselbe Schicksal droht.

Guten Abend, Welt!

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Ein Gedanke zu “Mittwoch II

  1. Ja, so ist es. Die Sommer altern ziemlich schnell, bäumen sich ein letztes Mal auf und dann sind sie weg, während der Herbst in zarten Kinderschuhen forsch heranwächst … Ein hartes Los, so ein Jahreszeiten-Leben …
    Liebe Grüße, Iris

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