Dehnungsfuge

Eben ist er heimgekommen. Betrat das Türloch, um es zu füllen, auszufüllen. Sein Körper reicht nicht. Sein Körper muss fetter werden, er muss an Gestalt zunehmen. Er muss sich ausdehnen. Wie ein Gas, ein tödliches Gas, will er den Raum füllen.

Er hebt die Schultern. Er will sich erheben. Über sich. Über den Erdboden. Wie entschwindet man aus der Realität? Indem man frisst, isst, indem man essend ist. Totales Sein werden. Das Sein selbst. Das Leben. Und wenn er das erst erreicht hat, so hofft er, wird er kein eigenes Leben mehr haben, weil er das Leben schlechthin ist. Ein Fass, in dem geboren und gestorben wird, in dem man tötet und liebt. Eine Geschichte. Er würde zu einer Handlung, zu einem Roman, zu einem Auffangbecken für alle Leben. Als das Leben hätte er sich aus seinem Leben gestohlen. Das muss doch möglich sein, denkt er. Muss doch! Wenn ich fresse, esse, wenn ich mich dehne, ausdehne, wenn ich erst das Türloch fülle, bin ich nicht mehr weit vom Ziel entfernt. Ich werde das Wohnzimmer fluten, die Kinderzimmer, die Wohnung, ich werde nach unten schwappen, hinab auf die Straße werde ich laufen, um die Welt mit mir zu füllen, das Weltall.

Schweiß steht auf seiner Stirn. So viel kann keiner fressen, essen, so viel kann er sich gar nicht einverleiben. Vorher wird er platzen. Er wird sterben. Verrecken wird er.

Schweiß strömt aus seinen Poren. Ergießt sich über seinen Körper, tränkt das Hemd. In der Wohnung lauern seine Kinder, die Frau, sie lauern, sie wollen ihn mit Realität bewerfen, mit Alltag, ihn, der hier weg will, raus hier, denkt er, raus hier; ich habe die Schnauze voll, so voll, die Essenreste hängen mir zwischen den Zähnen.

Er atmet aus, sein Bauch stülpt sich nach außen. Er hat das Türloch gefüllt, ein Stück mehr gefüllt. Das Loch, sein Loch, ein Loch, das kein Loch ist, das eine Schleuse ist. Hier schleust er sich rein und raus. Das Türloch ist sein Grenzübergang. Er will fort, geht hinein. Da ist sie. Seine Frau. Sie betrachtet ihn erwartungsvoll. Sie wartet. Er wartet. Beide warten. Sie stehen vor sich. Sie sind zwei rote Ampeln. Er ist zurück, daheim, sie haben ihn in ihre Falle gelockt. Er will sich dehnen.

Träge läuft er an seiner Frau vorüber. Er passiert sie wie eine Häuserfront. Sieht kurz zu ihren Augen hinauf. Zu den Augenfenstern. Verlassene Wohnungen, denkt er. Schlappt in die Küche. Setzt sich. Träume, denkt er. Er atmet tief. Er keucht. Träume, denkt er und wartet auf das Abendbrot.

Dehnen, er will sich dehnen, er will zum Leben selbst werden.

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