Sonntag

Die Sonntage habe ich als Kind genossen. Es gab nicht viele davon. Das kam durch den letzten Krieg. Da sind die meisten Sonntage weggebombt worden. Hitler hatte etwas gegen Sonntage. Mit Himmler war es noch schlimmer. Wenn einer in seiner Nähe das Wort aussprach, schwoll sein Kopf. Die Sonntage sollten am Ende alle vernichtet werden.

So kam es, dass es nach dem Krieg kaum noch welche gab. Sie wurden auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Manche tauschten ihren Montag für einen Sonntag. Andere ihre Schwiegermutter. Die gab es im Überfluss. Wohin man sah, war gerade eine Schwiegermutter unterwegs. Sie liefen über die Felder, durch die Wälder und Nebenstraßen. Sie hängten sich an jeden Mann, den sie finden konnten. Schwiegersöhne waren in der Unterzahl. Die meisten waren an der Ostfront gefallen. Die wenigen, die später noch auftauchten, ließen sich verleumden. Sie seien keine Nazis, keine Männer, keiner Schwiegersöhne.

Die ersten Werke entstanden, in denen alles hergestellt wurde, was kaputtgegangen war. Die Leute arbeiteten von früh bis spät. Zwischendurch aßen sie und bewunderten die Dinge, die sich inzwischen von selbst herstellten. Das Wirtschaftswunder. Sie rissen die Arme zum Himmel und priesen den lieben Gott, der wieder aufgetaucht war. Er hatte sich für die Zeit des Dritten Reichs eine Auszeit gegönnt. Alle schrien sie: „Ein Wirtschaftswunder!“

Ihre Bäuche wuchsen, sodass sie sich bald nicht mehr bewegen konnten. Wir könnten einen Sonntag gebrauchen. Ein anderer sagte: „Ein Sonntag? Wir brauchen eine Woche voller Sonntage!“ Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen. Krieg hatte man gerade erst geführt. Man könnte England überfallen, um sich deren Sonntag zu stehlen. Die Irokesen. Hatten die nicht einen? Es gab die Vermutung, die hätten gar keinen. Nie gehabt. Barbaren eben.

Die Deutschen suchten überall. Irgendwo musste doch noch ein Sonntag sein. Sie fanden schließlich einen im Fundbüro. Jemand hatte ihn dort abgegeben. Der hätte im Bus gelegen, ganz allein, hatte der Finder erklärt. Es seien noch alle Stunden drin. Sie paarten den Sonntag mit sich selbst, und bereits am nächsten Sonntag schlüpften die ersten Sonntage, die man erst in die Sonntagsschule schickte, später in die Sonntagsausbildung. Nachdem sie groß genug waren, wurden sie in den Kaufhäusern, die überall aus dem Boden schossen, verkauft. Die Leute stürmten in die Kaufhäuser und griffen sich einen Sonntag, sodass nach kurzer Zeit jeder einen hatte. Manche besaßen sogar drei oder vier. Andere züchteten sie selbst in ihrem Keller und belieferten Länder wie Dänemark, in denen der Sonntag verboten war. So entstanden in Dänemark die ersten Flüsterkneipen. Illegale Orte, an denen man sich dem Sonntag hingab. Die Mafia wurde reich dadurch. Sie liebten Länder, in denen etwas verboten war. War es verboten, wurde es von ihnen angeboten. Sie fuhren mit ihren nicht existierenden Lastern durch die Gegend und verkauften das, was es nicht gab. So entstand die moderne Form des Kapitalismus. Heute machen das alle Banken so.

In Deutschland aber gab es ihn wieder: den Sonntag. Er stand schon bald an jeder Straßenecke und bot sich an. Er sprach einen an, ob man nicht Lust hätte, mitzukommen. Häuser entstanden, in denen die Sonntage anschaffen gingen. Osteuropäische Sonntage wurde unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen, hier ihre Stunden malträtieren zu lassen. Junge Sonntage, die das nicht wollten. Und warum war das alles so gekommen? Hitler, Himmler, das Dritter Reich. Wie immer. Sie hatten die Welt nicht nur schlecht gemacht, sie hatten auch noch dafür gesorgt, dass es so blieb.

Heute haben nicht alle ihren Sonntag. Der Kapitalismus hat ihn vielen fortgenommen. Er ist ein grobschlächtiger Kerl. Wenn man ihn sieht, sollte man einen weiten Bogen um ihn machen. Wenn man genug Geld hat, mag er einen. Aber wehe, du kannst ihm nichts bieten. Wieder die Mafia. Sie stoßen dich auf die Straße und verlangen deinen Sonntag, den Samstag auch.

Ich weiß nicht, wie es werden wird. Deshalb trage ich meinen Sonntag unter der Unterhose. Dort findet man ihn nicht so leicht. Alte Omas verstecken ihn unter dem Kopfkissen und wundern sich, dass er nach einem Einbruch fort ist. Wer seinen Sonntag allein lässt, ist selbst schuld. Man sollte ihn überall mit hinnehmen.

Ich muss jetzt aufhören, sonst ist bald Montag. Ein Sonntag will sorgsam behandelt werden. Wer ihn überstrapaziert, muss sich nicht wundern, wenn er schon beizeiten sein Fell verliert.

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