Samstag

Der Mondknopf, dem ein Stück fehlt, das abgesplittert sein könnte, schließt den blauen Morgenmantel. Wo ein Knopf ist, müssen, betrachtet man die Größe des Mantels, weitere Knöpfe, also Monde sein.

Ohne mich wirklich anstrengen zu müssen, stelle ich bereits am frühen Morgen wissenschaftliche Thesen auf, die alle bisher erworbenen Erkenntnisse ad acta legen könnten. Lässt man den Himmel auf sich wirken, bringt man ihn mit spontanen Begriffen in Verbindung, erschließen sich neue wirre Zusammenhänge.

Kaum, dass ich aus dem Bett war, trieb mich eine unsichtbare Macht, die Sucht nach einer Zigarette, auf den Balkon.

Was ist Sucht? Sind es kleine Eindringlinge, die meinen Körper auffordern, einem Laster zu frönen, dem ich die Zerstörung meiner lebenserhaltenden Funktionen – da wären Lunge, Herz – unterstellen muss? Handelt es sich bei den kleinen Eindringlingen um Ninja, geschickt von den Herrschern der Tabakindustrie, um mich zu besetzen? Teerschwarz bekleidet dringen sie ins Rechenzentrum ein, stehlen wichtige Daten, um anschließend den gesamten Komplex zu vernichten.

Es wäre ein weiterer Beweis meiner Unschuld. Nicht ich bin Herr im Haus, auch wenn ich dies dachte, sondern die Ninja sind es, die mich wie eine Marionette aufstehen und auf den Balkon wackeln lassen.

So könnte es sein, ich rede hier von bahnbrechenden Erkenntnissen, dass wir alle Opfer einer industriellen Besatzungspolitik sind. Die Hubschrauber der internationalen Firmen wie Coca-Cola und Nike haben sich auf unseren Körpergebieten niedergelassen. Truppen sind marschiert. Wir wurden in einem Krieg besiegt, dessen Beginn uns nie mitgeteilt wurde.

Um die Hoheitsrechte zurückzugewinnen, müssen wir uns in den Untergrund begeben. Wir müssen Guerillataktiken benutzen, um den übermächtigen Gegner wenigstens einen Hauch von Widerstand spüren zu lassen.

So könnten wir, damit würde man nicht rechnen, eine spontane Tat begehen, die unseren Körper von allen Feindbewegungen ein für allemal säubern würde, indem wir uns in ein Säurebad legen. Eine Lösung mit einer gewissen Endgültigkeit.

Da wir nicht sterben wollen, zumindest unterstelle ich dies einem Großteil meiner Leserschaft, müssen andere Methoden gefunden werden, um der Besatzungsmacht den Garaus zu machen.

Gezielte Anschläge könnten den Gegner punktuell schwächen. Wir könnten uns etwa als Zigarette der Marke X verkleiden. Stehen wir erst vor dem Mundtor, werden die im Geist waltenden Ninja nicht bemerken, dass sie gerade einem Trug aufsitzen. Haben wir die Landesgrenze scheinbar überschritten, müssen wir zum Rechenzentrum vordringen, indem wir die Zigarette, wir sollten sie ein fröhliches Lied pfeifen lassen, am Mund vorüber in die Nase spazieren lassen, damit sie sich von dort ins Hirn schlängelt.

Dort angekommen, muss alles ganz schnell gehen. Es muss zu einer Selbstentzündung kommen, zu einem Akt der märtyrerhaften Selbstentleibung. Wasser sollte nicht in der Nähe stehen. Ist das Hirn ausgebrannt, könnte es zu einem vorübergehenden Machtvakuum im Körperland kommen, das wir, tatsächlich WIR, so rasch wie möglich füllen müssen.

Folgen Sie meinen Ratschlägen, könnte es zu einer Revolution kommen, die alle Feinde in die Flucht schlägt.

Alles überlesend, was mein Geist in dieser Morgenstunde aufs Papier sprühte, komme ich nicht umhin, befürchten zu müssen, dass ich die richtigen Schlagworte benutzte, um Spähprogramme des NSA auf mich aufmerksam zu machen, die, ich vermute es, keinen internen Satireagenten aufzuweisen haben, der Texte in den Kontext setzt, in den sie gehören.

Sollte ich also plötzlich verschwinden, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie die Bundesregierung um eine Intervention in der Sache Rohm bitten würden. Man wird Ihnen zwar kein Gehör schenken, ist man dort doch bereits seit langer Zeit in den Fängen der Konzerne, aber einen Versuch sollte es trotzdem wert sein.

Und nun kämpfen Sie um Ihr Körperland!

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