Elmore Leonard

Beschreibung eines Fotos

Er sitzt an seiner Schreibmaschine, den rechten Arm hat er lässig auf ihr abgelegt, nicht, als ob hier einer gleich schreiben will, sondern als ob er an der Theke einer Bar steht, um sich seinen nächsten Drink zu bestellen. Einer, der seinen Romancocktail aus Milieu, Typen und Geschichte runterkippen wird, nicht schnell und ruckartig, aber mit der Gewissheit, nicht absetzen zu müssen, weil er ihn in einem Zug schaffen wird. Die Brille, der Bart, sie erinnern an einen Lehrer, an einen Professor für englische Literatur. Seine linke Hand liegt auf dem Schreibtisch, scheinbar nachlässig neben dem Telefon abgelegt, das jeden Moment läuten könnte. Einer wie er ist immer auf dem Sprung, es könnte sein, dass Hollywood anruft, um einen seiner Romane zu verfilmen, es könnte ein Anruf seiner Frau, der Kinder sein. Er wird ihn nicht verpassen. Ein Griff und der Hörer wird in seiner Hand schwingen, wie ein Revolverheld wird er ihn ziehen, schnell und ohne Hektik. Hinter dem Telefon Stifte, verschiedene Stifte in verschiedenen Ausführungen. Stifte sind wichtig. Mit ihnen kann man streichen, man kann all das Unnötige aus den Geschichten streichen, all das, was Krimis heute so dick macht, all die unnötigen Beschreibungen, die die Leser eh überblättern, bei denen sie sich fragen, wer soll das lesen, um es schließlich nicht zu lesen. Ein barmherziger Samariter wird das erkennen, er wird sich auf die Story konzentrieren, und wenn die gut genug ist, wenn die Charaktere ausgefeilt sind, braucht es keine umständlichen Sätze, die alles kurz und klein schreiben.

Hinter ihm Bücher, nicht zu viele, denn was braucht einer Bücher, der sich seine eigenen schreibt. Ein Brocken von Buch vielleicht, ein Nachschlagewerk, um die eine oder andere Sache mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen.

Er blickt in die Kamera, direkt in die Kamera, er sieht seinen Lesern in die Augen. Einer, der auf Augenhöhe schreibt, der nicht besser oder schlechter sein will, der Interesse an dir hat, der du ihn jetzt ansiehst. In der Schreibmaschine hängt ein Blatt, klar, da muss eins stecken, es steckt dort wie eine Maus, die in eine Fall gelaufen ist. Blätter sind da, um vollgeschrieben zu werden, um sie mit Geschichten über Typen zu füllen, die Chili Palmer oder Jack Foley heißen.

An seinem Handgelenk tickt eine Uhr, sie zeigt ihm den Stand des Tages an, sie zeigt ihm die Zeit, die verstrichen ist, um dieses Foto zu machen, die Zeit, die es ihn gekostet hat, bis er endlich weitertippen kann.

Das Foto ist eine Erinnerung. Die Uhr, seine Uhr, ist stehengeblieben. Elmore Leonard wurde 87 Jahre.

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