Sonntag

Tottenstille. Bei uns sagte man ja nicht Totenstille. Das gehörte sich nicht. Ich weiß noch, wie meine Mutter zu uns Kindern sagte: „Stört niemals die Ruhe der Totten.“ Die Totten waren neu in unsere Gegend gezogen. Sie schliefen lang. Wir Kinder bekamen sie nie zu Gesicht. Später waren sie dann plötzlich fort. Wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hatte bemerkt, dass sie längst in einer anderen Stadt lebten. Aber das Wort Tottenstille blieb.

Ich habe bis exakt 7.32 geschlafen. Das weiß ich so genau, weil ich meine Frau weckte, die es mir mitteilte. Ganz verschlafen klang sie.

„Mensch“, sagte ich, „wenn du noch so müde bist, hättest du noch schlafen sollen. Was ist denn mit dir? Ist das die innere Unruhe?“

Sie nickte verneinend mit dem Kopf. Die sei es nicht. Eher meine Frage.

„Na, jetzt willst du aber von deinen Problemen ablenken.“

Sie stand schließlich auf, um mich nicht beim Wachwerden zu stören.

Liege ich im Bett, trainiere ich meist meine Augenlider. Ich lasse sie zufallen. Öffne sie. Außerdem spanne ich meine Stirn an. Das gibt Stirnmuskeln. Die Frauen stehen auf den sogenannten Sixpack an der Stirn. Da muss alles knüppelhart sein. Ich liebe es, im Sommer am Strand auf- und abzulaufen, während die Frauen meine eingeölte Stirn bewundern. Es gibt inzwischen zahlreiche Fitnessstudios, in denen sie speziell ein Training für die Stirn anbieten. Das finde ich leicht übertrieben, wenn mir der Einwand gestattet ist. Warum? Ganz einfach. Sie müssen nicht viel Geld ausgeben. Das können Sie alles zu Hause erledigen, indem Sie ein paar Gänge im Haushalt übernehmen. Wenn z.B. wieder mal die Frage auftaucht, was man sich heute Abend im Fernsehen ansehen könnte, müssen Sie die Gunst der Sekunde nutzen. Spannen Sie Ihre Stirn an. Einmal, zweimal, dreimal. Pumpen Sie richtig. Wenn Sie die Übung fünfmal wiederholt haben, wischen Sie sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn. Danach können Sie sich abduschen. Oder sich in eine Gartenlaube setzen. Ganz wie Sie wollen.

Guten Morgen, Welt!

 

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