Die Stimmen (5)

Samstag 17. August 2013

Ist er erwacht, niest er. Eine Allergie, und manchmal denkt er, dass es eine allergische Reaktion auf den Tag sein könnte. Die Pollen des Lebens kriechen in seine Nase, diese kleinen Pollen, die in der Luft umherschwirren, die von den Autos stammen, und vom Licht, und natürlich muss er über sich selbst lachen.

Nach dem Aufstehen folgt er einem Weg, der sich täglich gleicht. Der Flur müsste an diesen Stellen ganz ausgetreten sein. Er geht von der Küche, wo er die Kaffeemaschine anschaltet, hinüber ins Esszimmer (das auch als Arbeitszimmer dient), das Teil eines großen Bereichs ist, der aus Wohn- und Esszimmer besteht, und beugt sich nach unten, um den Rechner hochzufahren. Ist das erledigt, schlurft er auf den Balkon, um dort eine Zigarette zu rauchen.

Er raucht jetzt schon lange, viel zu lange, bestimmt schon seit seinem sechzehnten Geburtstag, und er wird diesen Monat noch dreiundvierzig, höchste Zeit also, denkt er, aufzuhören. Er will nicht sterben, auch wenn es Phasen in seinem Leben gab, wo es ihm egal gewesen wäre. (Ob es das dann wirklich gewesen wäre, kann er nicht beantworten. Man kann das Sterben nicht ausprobieren, man kann es nicht überstreifen und sagen: Das passt mir nicht. Es gibt verschiedene Größen. Gefallen wird einem vermutlich keine. Es gibt den Herzinfarkt, ein Kostüm, das rasch an- und abgelegt wird. Es gibt aber auch die verschiedenen Krebsgrößen, lauter Tücher, in denen man sich verfängt, bis man Panik bekommt.)

Er denkt an diesen Roman von Vonnegut, der in der deutschen Übersetzung den Titel ZEITBEBEN trägt. Gibt es so etwas? Ja, und ob, denkt er. Er hat es doch erlebt, als sein Vater starb. Es war zu einem Zeitbeben gekommen, weil er dachte, die Welt müsse den Atem anhalten. Die Welt nahm vom Tod seines Vaters keine Notiz. Sie sprang mit der gleichen geschäftigen Miene, die sie täglich aufzusetzen pflegt, durch die Innenstadt. Und während er auf einer Bank saß – und die Trauer ihn und sein Zeitempfinden lähmte -, rannten die Menschen an ihm vorüber. Es war, als würde er in einer Zeitblase hocken, in einer Seifenblase, in der der Sekundenzeiger sich mühsam wie ein alter Mann über die Uhr quälte, während auf den Uhren der anderen ein Jogger befestigt war, dem es gar nicht schnell genug gehen konnte.

Damals hatte er ein Zeitbeben erlebt. Die Zeit war durch den Tod erschüttert worden, und während er sein Zeithaus zerstört hatte, sodass er sich plötzlich von einem Augenblick zum anderen ohne ein Dach über dem Kopf wähnte, war das der Nachbarn unberührt geblieben. Dabei wird niemand vor den Zeitbeben verschont.

Er überliest seinen heutigen Tagebucheintrag.

Ein bisschen viel Tod für einen Samstagmorgen, denkt er. Die Sonne scheint, der Wellensittich erwacht. Er meldet sich mit zaghaften Tönen. Ein Quietschen, wie man es aus den alten Folgen mit den Waltons kennt, die er sich als Kind ansah. Der Vogel hört sich wie die Hupe eines dieser alten Autos an.

Ein bisschen viel Tod, denkt er. Auf der anderen Seite, sollte man ihn nicht außer Acht lassen, denn er ist die feste Größe, an der wir all unsere Handlungen messen sollten.

Wenn er etwas hasst, sind es pathetische Gedanken. Diese hehren und großen Gedanken, die, niedergeschrieben, bereits eine traurige Lächerlichkeit zum Ausdruck bringen. Man kann sie ebenso wenig wie Pornofilme karikieren, man kann sie nicht ironisch überzeichnen, weil sie das bereits selber tun. Sie haben ihre eigene Satire schon im Gepäck.

Also überliest er sich. Lachen kann er nicht.

Mist, denkt er.

Sein Kaffee ist leer. Zeit, den Tag anzugehen.

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