Die Zimmer

Ich bin ein Hausbewohner. Das ist keine Kleinigkeit. Ich muss die Zimmer abschreiten. Öffne ich eine Türe, kann es sein, dass ich überrascht bin, weil sich dahinter ein Zimmer verbirgt, das ich bisher noch nicht kannte.

Es ist ein Haus, das lebt.

Nacht für Nacht sterben Zimmer ab, neue wachsen.

Ich habe Angst, mich in einem Zimmer aufzuhalten, das verschwinden wird. Wohin gehen all die Zimmer? Fallen sie wie Blüten zu Boden? Werden sie vom Wind fortgetragen? Ich weiß es nicht! Es könnte auch sein, dass sie unsichtbar werden. Vielleicht erwachen sie in einem Jenseits für Zimmer. Der große Zimmer-Himmel, in dem Unmengen von Zimmern auf Wolken liegen. Sie spielen keine Harfe. Wie sollte das auch gehen, es sind doch nur Zimmer.

Nur Zimmer, das sagt sich so einfach, aber es sind keine gewöhnlichen Zimmer. Sie betrachten mich, ich kann ihre Blicke spüren. Sie betrachten mich, versuchen herauszufinden, wer ich bin. Sie versuchen herauszubekommen, was das ist: ein Hausbewohner.

Ich bin ein fremdes Geschöpf für sie. Eines, das keinen Zweck erfüllt. Ich bin die Ameise, die über ihre Haut läuft, bin die Spinne, die man totschlagen sollte. Ich kann den Hass der Zimmer spüren. Nicht mehr lange und sie werden meiner überdrüssig geworden sein. In einer Welt voller Zimmer ist für Menschen kein Platz. Das ist falsch. Ich erkläre es ihnen, wieder und wieder. Räume sind dazu da, dass man sie füllt. Mit Anwesenheit, mit Möbeln, mit Menschen. Die Zimmer hören sich meine Vorträge stumm an.

Ist erst Winter, werde ich den Kaminen einheizen. Ich werde die Zimmer wärmen, damit sie nicht frieren, auch wenn ich nicht weiß, was sie tatsächlich fühlen. Es könnet sein, dass ihnen Hitze und Kälte einerlei sind.

Am Morgen, wenn ich erwacht bin, beginne ich meine Runden zu drehen. Vorsichtig spähe ich in die Flure, um zu überprüfen, wo sich neue Türen gebildet haben. Die Türen haben keine Klinken, man muss die Türen aufbrechen, muss sie wie Nüsse knacken. Es tut mir leid, die Zimmer zu verletzen. Ist die Tür erst offen, betrete ich das Zimmer, vorsichtig, Schritt für Schritt, um das eventuell kleine Zimmer nicht zu ängstigen. Es gibt sie alle. Zimmer, die so groß sind, dass ihre Enden nie zu erreichen sind. Babyzimmer, die klein sind, so klein, dass man seinen Fuß unterbringt, sonst nichts. Man setzt ihn ab und versucht ihn zu drehen. Es geht nicht. Also zieht man ihn zurück und spricht leise auf das Zimmer ein. Es könnte sein, dass es schläft, und man will doch ein Zimmer, das schläft, nicht unnötig wecken. Babyzimmer neigen zum Schreien, hat man sie unsanft aus ihrem Schlummer gerissen. Ihr Brüllen erschüttert die Grundfeste, es kann sogar sein, dass das Haus wie bei einem Erdbeben geschüttelt wird, bis es Zimmer verloren hat, deren Verschwinden noch gar nicht vorgesehen war.

Mittags speise ich meist allein. Ich lehne mich an eines der Fenster und blicke in eine Welt, die mir Häuser zeigt. Keine Menschen.

Die Menschen sind dazu gemacht, Hausbewohner zu sein. Es kam schon vor, dass ich anderen begegnet bin. Gleich zu mehreren trafen wir uns einst in einem Zimmer, das in Form und Aussehen an einen Ballsaal erinnerte. Wir standen in kleinen Kreisen zusammen und unterhielten uns über die Zimmer, die wir bereits kennenlernen durften. Es gibt legendäre Zimmer, wie etwa das Bernsteinzimmer, die in unseren Gesprächen eine Rolle spielten. Später verliefen wir uns in den angrenzenden Zimmern, bis wir uns ganz aus den Augen verloren, weil sich die Struktur des Hauses so beständig von Nacht zu Nacht ändert.

Manchmal komme ich mir einsam vor. Ich entzünde in den Nächten eine Kerze und betrachte mein Spiegelbild in einem Fenster. Zimmer, Außenwelt und ich verwachsen so zu einem einzigartigen Wesen.

Später verkrümele ich mich in eine Ecke eines Zimmers, bibbernd, ob ich den nächsten Tag erleben werde.

Die Welt ist so eingerichtet, dass alles einen Sinn hat. Die Zimmer sind für die Häuser da. Die Zimmer sind dazu da, dass wir Menschen in ihnen sind. Wir Menschen wiederum müssen die Zimmer bewohnen.

Es gibt so viele Fragen, die unbeantwortet bleiben. Wer schuf die Häuser, die Zimmer? Wer schuf uns? Was passiert mit den Zimmern, die über Nacht verschwinden?

Mein Vater wusste auch keine Antworten auf all diese Fragen. Er verschwand eines Tages in einem Nebenzimmer, das kurz darauf nicht mehr existierte. Ob es ein fleischfressendes Zimmer war, das sich nach seinem Mord aus dem Staub machte, weiß ich nicht. Verfügen die Zimmer über die Kraft, sich zu bewegen? Werden sie zu Teilen anderer Häuser?

Ich könnte das Haus verlassen. Aber was wäre dann gewonnen? Ich würde ein neues Haus betreten.

Ich denke nicht, dass man sich über sein Leben zu viele Gedanken machen sollte.

Ich bin ein Hausbewohner. Ich laufe von Zimmer zu Zimmer. Ich weiß nie, was mich erwartet.

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