Spielverderber

Eine Gute-Nacht-Geschichte

Eine Fliege. Die muss sich verirrt haben. Er wedelt sie mit seiner Hand fort, aber die Fliege lässt sich nicht einfach verscheuchen. Die nicht. Sie hat Ausdauer. Sie hat in dieser Wohnung bereits drei Tage überlebt. Was ist dagegen eine Hand? Nichts! Sie sitzt auf dem Bildschirm und lacht sich über den Idioten, der um diese Uhrzeit noch schreibt, halb tot. Daran könnte sie sterben. An ihrem eigenen Lachen. Es könnte passieren, dass sie an ihrem eigenen Speichel verreckt. Nichts da! Sie hebt ab. Startet den nächsten Angriff. Wie ein Kamikaze-Flieger. Rückflug ausgeschlossen. Quatsch! Die Fliege hebt den Daumen. Hätte sie einen. Sie hat einen. Es ist nur ein Fliegendaumen. Und der sieht nicht wie der Daumen eines Menschen aus. Mehr wie ein Flügel. Der Flügel spannt sich. Sie saust los. Ein Schrei ertönt, den der Typ nicht hören kann. Der ist für die Menschheit eh verloren, denkt sie. Sie wird ihm mitten ins Gesicht fliegen. Wie der schon aussieht! Völlig verwahrlost. Unrasiert. Er hat Schmerzen. Soviel hat sie mitbekommen. Mit denen hat er den ganzen Tag gehadert. Und jetzt in der Nacht sitzt er schon wieder an seinem Computer und tippt. Ein Irrer. Sie kann es an seinem Blick sehen. Daran, wie er nach ihr schlägt. Sie hat es im Griff. Hat ihn im Griff. Wenn sie wollte, könnte sie ihn in den Wahnsinn treiben. Einfach so. In den Wahnsinn. Sie hockt jetzt seitlich auf dem Lampenschirm. Verflucht heiß hier. So muss sich die Hölle anfühlen. Hölle gibt es nicht. Nicht für Fliegen. Das ist ein Ort für Menschen. Sie startet den nächsten Angriff. Sie wird in sein Auge fliegen. Mitten hinein. Sie wird ihm in sein Auge sehen. Es soll eine Herausforderung sein. Fliege gegen Mann. Er versucht es wieder. Seine Hand, die durch die Luft wischt. Bekommst mich nicht, bekommst mich nicht. Seine Frau. Da ist seine Frau. Heißer Feger. Die Fliege hat es nicht so mit Menschenfrauen. Trotzdem hat sie Geschmack. Wie ist der denn an die gekommen, fragt sie sich. Die Frau legt ihm die Hand auf die Schulter. Was schreibst du da? Was über eine Fliege. Doch nicht um diese Uhrzeit. Lass mich, ich kann eh nicht schlafen. Die Schmerzen. Und wie soll es enden? Ich weiß es nicht. Die Frau geht. Die Fliege lacht auf, hell und klar. Jetzt sind sie wieder alleine. Sie wird es ihm zeigen. Wird ihm beibringen, was es heißt, wenn man Ärger mit einer Fliege hat. Er hält inne. Wie soll das mit der Fliege ausgehen, überlegt er. Sie könnte gewinnen. Warum nicht! Einmal könnte die Fliege gewinnen. Aber wie? Sie könnte sich durch sein Ohr ins Hirn bohren und eine wichtige neuronale Verbindung kappen. Nein! Und wie wäre es, wenn sie plötzlich wachsen würde? Das wäre es. Die Fliege sitzt auf dem Bildschirm. Sie liest mit. Tolle Idee, sagt sie. So machen wir das. Ich wachse und schlage dich tot. Wollen wir, fragt er sie, indem er es aufschreibt. Sie liest. Nickt aufgeregt mit ihrem ganzen Körper. Sie spürt es. Sie spürt die Kraft, die sie wachsen lässt. Sie wird ihn töten. Sie wird ihn mit drei Schlägen ins Jenseits … Aber was macht er denn da? Er hört auf. Sie verliert die Kraft. Er schaltet den Computer aus und geht ins Bett. Spielverderber, denkt die Fliege. Spielverderber. Aber morgen, denkt sie, morgen bist du reif.

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2 Gedanken zu “Spielverderber

  1. Sei auf der Hut vor dieser Fliege … ich glaube, sie hat hypnotische Kräfte und verleitet dich zu etwas, was dir nur schaden kann … Gerade unter den Fliegen treibt sich eine Menge Gesindel herum … habe ich gehört …

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