Die Stimmen (3)

Dienstag, 13. August 2013

Es geht im heute viel besser. Seine Frau telefoniert mit seiner Mutter, obwohl er doch mit ihr sprechen müsste. Wenn es doch nur so einfach wäre. Was? Das Leben!

Er hat es satt. Er hat keine Lust mehr zu schreiben. Hat keine Lust mehr, an seinem Blog zu arbeiten. Aufgeben. Es ist eine Aufgabe, die alle Kraft von einem verlangt. Aufgeben. Da steht es. Er hat es aufgeschrieben, als würde er sich selbst verhöhnen. Schreibt darüber, nicht mehr schreiben zu wollen. Schreibt über das Aufgeben als Aufgabe.

Vielleicht liegt es an seiner Müdigkeit, die ihn unentwegt befällt.

Sie waren den ganzen Tag in der Stadt. Nicht den ganzen Tag, aber einige Stunden. Bummeln. In der Bibliothek. Er springt von Buch zu Buch, als wären die Bücher Steine, die er benutzt, um einen Fluss zu überqueren. Seinen Fluss, der ein Zeitfluss ist.

Geht es nicht darum, eine gewisse Leichtigkeit zu erringen? Nein! Das widerspricht sich bereits. Leichtigkeit muss nicht erkämpft werden, sie muss nicht errungen werden, wie er das eben schrieb. Er muss leicht werden, dann wird die Leichtigkeit von ganz alleine kommen. Leicht wird man, wenn man loslässt, wenn man aufgibt, wenn man die Dinge fahren lässt, auch zur Hölle, wenn es denn eine gibt, was er bezweifelt. Sein könnte es schon. Er weiß es ebenso wenig wie alle anderen.

Während er über all dies schreibt, während er Dinge, Momente, Augenblicke, Gedanken, die ihn beschäftigen, einzufangen versucht, telefoniert seine Frau noch mit seiner Mutter.

Und wenn ich weiterschreiben sollte, überlegt er, wo soll es hingehen? Wo will ich mit dem, was ich niederschreibe, ankommen. Schreiben ist wie eine Wanderung, die man unternimmt. Man hat sein Gepäck. Und wieder die Schwere, denkt er. Keine Leichtigkeit.

Er will keine Krimis mehr schreiben, sondern von einfachen Leuten erzählen, von Menschen, die ihm auf der Straße begegnen. Er will von den Frauen, die im Haus wohnen, erzählen. Von ihren Fluchten, die Ausflüchte sind, um dem eigenen Alter nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Aber das weiß er nicht mit Bestimmtheit. Er vermutet es, wie er so vieles vermutet. Mut gehört auch dazu, denkt er. Den Mut, eine Geschichte zu erzählen, auch wenn es nicht die wahre Geschichte ist, die er eh nicht kennen kann. Er kann nur beobachten, kann nur lesen, was er sieht. Lesen ist interpretieren. Jeder erfindet sich seine eigene Geschichte, wenn er in der Welt liest. Die Welt ansehen heißt, sie zu lesen.

Neben ihm steht ein Becher mit Fencheltee. Sie haben den Becher bei McDonald’s gekauft. Er mag den Becher, seine Farbe, seine Form. So etwas dürfte man nicht schreiben, denkt er. Es wäre, als würde man seine Seele an diesen Riesen verkaufen. Man hat ihn gelobt. Unsinn, denkt er. Es ist doch nur ein Becher.

Und jetzt?

Abwarten. Tee trinken.

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2 Gedanken zu “Die Stimmen (3)

  1. Ich hoffe, seine kleine Schaffenskrise geht schnell vorbei. Andererseits eröffnen solche Gedanken ganz neue Perspektiven … alles ist ein ständiger Wandel … Gedanken springen umher … Ob das der Fencheltee verursacht?
    Liebe Grüße zu dir, Iris

    1. Nein, ich denke das begründet sich in seinem Wesen. Er befindet sich in einem stetigen Wandel, weil so viele verschiedene Stimmen über ihn herrschen wollen. Er ist wie ein Schauspieler, der unterschiedliche Kostüme ausprobiert. Liebe Grüße, Guido

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