Stillgestanden

Keinen Schritt solle er wagen, erklärt ihm der Schrittbeauftragte, der wild mit den Armen herumfuchtelt, der sie in die Lüfte stößt, als wäre das unsichtbare Atemmaterial sein höchstpersönlicher Feind. Das ganze Land, so der Schrittbeauftragte, sei zur sensiblen Zone erklärt worden, da könne ein Asylbewerber, also einer, der sich um Asyl, also den Aufenthalt bzw. Verbleib im sensiblen Land beworben habe, nicht ungehindert umherlaufen, ja, wo käme man denn da hin, wenn sich der Asylant, also der Bewerber, ungehindert bewege, man müsse um Land, Boden und Leute fürchten, da man nicht wisse, um was für ein Subjekt es sich beim Landeseindringling handele, sagt der Schrittbeauftragte und macht einen Schritt, einen für einen Schrittbeauftragten bemerkenswert unsicheren Schritt vor die Haustür, ins Draußen, das, so der Schrittbeauftragte, für den Asylanten, den Bewerber, tabu sei. Das sei eine sensible Zone, die sei so sensibel, dass sie, würde sie von einem Fremden betreten, einen Zusammenbruch erleide, wäre sie nicht zuvor über den Fremden, also den Asylanten, also den Bewerber, aufgeklärt worden. Sensibel müsse man mit der sensiblen Landschaft umgehen, sie muss, so der Schrittbeauftragte, Schritt für Schritt auf den Fremden, der sich ihr nähern will, vorbereitet werden. Da müssen, so der Schrittbeauftragte, unzählige Gespräche geführt werden, die Landschaft, die nicht nur eine Landschaft sei, sondern aus verschiedenen Teilen, wie Schwimmbädern, Gärten, Kinos, Läden, Schulen bestehe, müsse Schritt für Schritt auf den Fremden, den Bewerber, vorbereitet werden, sie müsse unbedingt über eventuelle Gefahren informiert werden, wisse man doch, so der Schrittbeauftragte, bisher nichts über den Asylanten, außer eben nur, dass er Asylant sei, aus diesen und jenen Gründen, die sich oftmals um Verfolgung drehen, die aber der sensiblen Zone nicht zugemutet werden könnten, da die Zone so sensibel sei, dass mit einem Zusammenbruch durch Wahrheit zu rechnen sei. Nein, sagt der Schrittbeauftragte, die Wahrheit sei der sensiblen Zone in keinem Fall zuzumuten, deshalb, der Schrittbeauftragte beugt sich zur Erde hinab, um sie zu streicheln, müsse der Asylant, der Bewerber, er müsse in seinem Asylbewerberheim verbleiben, weil das Heim ein Ort sei, das schon viele Schicksale gesehen habe, es sei ein abgebrühter Ort, der alles sei, nur eben nicht sensibel, auch wenn es Stimmen aus dem linken wie ganz linken Lager gebe, das könne er jetzt nicht sehen, es läge links des Heims, da müsse er nach oben in den Schlafsaal, um es sich vom Fenster aus anzusehen, die … – jetzt hat der Schrittbeauftragte den Faden verloren. Der Schrittbeauftragte bittet darum, ihn über alle geplanten Schritte auf dem Laufenden zu halten, so etwa, wenn man plane, sich in den Keller zu begeben, denn der Keller sei tiefgründig, das sei eine tiefgründige Zone, die sei so tiefgründig, dass es schnell zu Erkenntnissen kommen könne, die den Tod des Asylanten, also des Bewerbers, zur Folge hätten. Dies könne und wolle man nicht verantworten, sagte der Schrittbeauftragte und verschließt die Tür, dahinter sich die Asylanten, also die Bewerber, drängen, eng an eng, weil sie ja nun wissen, dass jeder Schritt nur falsch sein kann.

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