Mittwoch

Das Kind ist immer noch krank. Die Krankheiten von heute, dachte ich. Früher war das alles schneller erledigt. Da ließ man die Patienten zur Ader, und wenn gar nichts mehr half, schnitt man die betreffende Stelle ab. Schnipp, schnapp. Dem Patient ging es zwar nicht unbedingt besser, aber der Brandherd der Krankheit war eliminiert.

„Ich hoffe, die Viren springen nicht auf mich über“, sagte ich zu meiner Frau. Ich malte ein verheerendes Szenario leerer Stadien, wenn meine Stimme in Mitleidenschaft gezogen würde. Sie zeigte für meine Aufregung kein Verständnis. Immerhin sei ich weder ein Opern- noch ein Popstar. „Danke“, sagte ich. So deutlich hätte sie das nun auch wieder nicht zum Ausdruck bringen müssen. Ich wusste um meine wunden Stellen, um meine vertanen Chancen und Möglichkeiten. Wäre alles etwas anders gelaufen, würde ich in diesem Augenblick vielleicht vor fünfzigtausend Menschen in Rio … Lassen wir das!

Um sicherzugehen, dass ich mir keinen Schnupfen eingefangen hatte, wusch ich mir die Hände. Naseputzen ist ebenfalls empfehlenswert. Ich spielte ein kleines Medley aus Hits von Benny Goodman und John Coltrane. Meine Frau bekam ganz weiche Knie, wie ich da so im Gegenlicht der Küchenlampe stand und unsere alten Lieder auf meiner Nase spielte. „Du beherrscht sie ja noch!“ schrie sie entzückt auf. Ich nahm das Tempo von der Nase und lächelte sie auf diese Art an, die einen gewissen sexuellen Unterton mitschwingen ließ. „Ich habe es nie verlernt“, sagte ich. Der Morgen war jung, wir waren jung, die Gegenstände um uns herum waren jung, sogar der Müllbeutel war jung. Ich hatte selbst gesehen, dass meine Frau ihn mit abwesenden Augen während meiner Jazzbeglückung ausgewechselt hatte, um keinen schlechten Geruch in der Luft liegen zu haben. Sie denkt eben mit, das hat sie von ihrer Mutter, die auch schon dafür bekannt war, gerne mal die eine oder andere Sekunde mitgedacht zu haben. Erbgut! Ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Natur, der uns mehr prägt, als wir oft wahrhaben wollen.

Guten Morgen, Welt!

Schnupfen 003

Hier schnäuze ich gerade eine der alten Nummern von Benny Goodman, die wir in unserer Jugend so gerne gehört haben

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