Montag

Das Tagebuch ist dazu da, dass man alles in es hinein schreibt, was einen bewegt. Die tiefsten Gefühle sollen gebannt werden. Es geht darum, sich und die Zeit, die man durchlebt, einzufrieren.

Stößt man z.B. mit dem rechten Fuß gegen eine Mülltüte, sodass sich der Inhalt in die Küche ergießt, ist dies, während die Frau sich darum müht, den Unrat in die Tüte zurückzustopfen, aufzuzeichnen. Es muss im Tagebuch erwähnt werden, weil sonst dieser Moment für alle Zeiten verloren wäre. Eine schreckliche Vorstellung, die keine Realität werden darf.

Auch der Stuhlgang ist zu beschreiben (siehe meine Abteilung „Mein täglicher Stuhlgang im Spiegel der Weltpresse“). Da ich die Nachrichten, die aus aller Welt eintreffen, täglich auf dem Lauten Örtchen (in den Wänden sind Lausprecher befestigt, aus denen Machine Head und Slipknot dröhnen, um Laute, die wiederum ich verursache, zu übertönen) studiere, kommt es unweigerlich zu einem Vergleich der dargebrachten News mit meinem Stuhlgang (Zäher Artikel, flüssige Sätze, geschmeidiger Stil usw.).

Das Tagebuch ist (neben dem Roman) der Allesfresser unter den literarischen Formen. Man kann ihn mit seinem Schluckauf füttern, mit Beschimpfungen, man kann Rezepte einbauen, einen Satz von Müller oder Simmel, noch etwas Drogen obendrauf, und schon ist der Cocktail, den wir LEBEN nennen, fertig.

Nehmen wir den heutigen Morgen als Beispiel. Ich erwachte in der Unkenntnis geschlafen zu haben, bis mich meine Frau darüber aufklärte, indem sie mich anrief: „Erwache, Wohlgesinnter!“

Erstaunt öffnete ich die Augen. „Ja, was denn?“ Ich blickte sie entsetzt an. „Habe ich etwa geschlafen?“

Sie nickte und sagte: „Und nicht eben wenig. Du hast“, sie blickte auf ihren Handradiowecker, der sich doch etwas arg exzentrisch an einem so schmächtigen Ärmchen ausnimmt, „exakt acht Stunden, drei Minuten und sieben Sekunden geschlafen.“

„Nein!“

„Doch!“

Derart feixten wir noch eine Weile, bis ich mir mein Tagebuch bringen ließ, um diese einmalige Szene augenblicklich für die Nachwelt aufzubewahren. Es wird wunderbar für die Nachgeborenen sein, wenn sie mein Tagebuch aufschlagen, um sich in eine Welt fallen zu lassen, die mit so wunderbaren menschlichen Zwischenspielen angefüllt war, dass die Zukünftigen sich wie eine verrottete, erbärmliche, niederträchtige Ausgabe des Homo Rohmulus vorkommen müssen.

Aber jede Zeit hat eben ihre großen Geister.

Guten Morgen, Welt!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s