Mittwoch (Über den Roman als Eheretter)

Leidlich gut geschlafen. Immerhin hatte ich zu tun. Ich wälzte Pläne, wie ein zukünftiger Roman aussehen könnte. Ich überschlug im Kopf die Kapitel. Welche Personen könnten auftreten? Sollten welche aus dem öffentlichen Kulturleben auftreten?

Schreibt man einen Roman, ist eine Menge zu beachten. Die Seitenzahl z.B.! Oder die Länge der einzelnen Worte. Welche Buchstaben nimmt man? Welche kann man entbehren? Welche sollte man unbedingt fortlassen?

Gibt es einen Helden, und wenn ja, warum gibt es ihn? Wo kommt er her? Welche sexuellen Vorlieben nennt er sein Eigen? Trägt er die Haare lang oder offen?

Alles bedarf einer Klärung, sonst kann es schnell bergab gehen mit dem Romanprojekt. Ehe man sich versieht, hat man sich verfahren.

Und dann? Schrecklich ist das. Man hat Lebenszeit investiert. Die Familie hat unter der ständigen Abwesenheit gelitten. Im besten Fall zumindest. Manchen Familien tut die Abwesenheit allerdings auch gut. Wenn ich recht darüber nachdenke, sollten viel mehr Männer und Frauen, deren Ehe auf der Kippe steht, einen Roman schreiben. Das Schreiben schafft eventuell den schon lange nötigen Freiraum für ihren Partner/ihre Partnerin.

„Schatz?“

„Ja!“

„Ich habe beschlossen …“

„Ja?“

„Ich werde einen Roman schreiben.“

„Einen Roman?“

„Ja, einen richtigen Roman, mit allem, was man braucht. Ich werde vielleicht sogar einen Krimi schreiben.“

„Einen Krimi? Ja, aber ist das nicht gefährlich.“

„Da kann nichts passieren. Es läuft ja alles hier oben im Kopf ab.“

„Und wenn dich jemand anschießt?“

„Das kann ja eben nicht geschehen! Der Kopf ist sicher.“

„Zieh dir trotzdem eine Jacke und einen Schal an.“

„Es ist Hochsommer!“

„Man weiß nie!“

Der Roman als Form vermag alles. Plötzlich werden wieder Gespräche geführt. Die Eheleute, die sich einst so verbittert betrachteten, finden zueinander. Sie diskutieren über zukünftige Verträge, über Verkaufszahlen, über …

„Erwähne bloß nicht meine Mutter.“

„Ha! Wie käme ich denn darauf!“

„Und auch nicht Onkel Rudolph und Tante Mathilde. Du weißt, dass sie nicht gern in Romanen erwähnt werden.“

„Ja, ich weiß. Die alte Kuh ließ es kürzlich beim Kaffee fallen.“

Der Roman ist das Rezept, um eine längst zerbrochene Ehe zu kitten.

Guten Morgen, Welt!

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