Freitag

Es ist nicht lange her, da schrieb ich Gedichte, graue, schlaffe, ausgehöhlte, langweilige Gedichte, die sich mit dem Alltag in der DDR beschäftigten, mit all den Bäumen, die ihre Arme hängen ließen, Gedichte, die von Schornsteinschloten erzählten, die den Rauch in die Luft pusteten, einen dicken, schweren Rauch, der mich an mein ungewaschenes Kissen erinnerte, das ich in der Hand trug, als wir in die DDR einreisten, weil mein Vater, ein bekannter Dirigent, die Jahreszeiten von Pückler aufführen durfte, in einer engen Scheune, in der die Leute sich nicht drängten, weil keiner gekommen war. Wie auch? Niemand hatte etwas gewusst, und die, die davon erfahren hatten, hatten es für sich behalten, und die anderen, die es erfahren hatten, hatten sich die Frage gestellt, wer Pückler ist und warum sie noch nie etwas von diesem Komponisten gehört hatten, und dies, obwohl sich in diesen Jahren in der DDR doch alles herumsprach, sogar, wer mit wem wo was getan hatte, sprach sich herum. Aufgeführt, ich erinnere mich genau, wurde das Stück aber trotzdem. Mein Vater stand auf einer umgedrehten Kiste, die man eigens für diesen Tag aus den Resten von Kisten, die aus den Resten von Resten von Kisten gemacht waren, angefertigt hatte; mein Vater stand dort oben und eine unheimliche Stille legte sich über den Stall, was daran lag, dass niemand war, und als er den Taktstock hob, weinten meine Mutter und ich, nicht, weil es so berührend war, wir kannten ja das Pücklerstück, sondern weil ein beißender Geruch in der Luft lag, der von der nahen Fabrik stammte, die etwas  herstellte, was streng geheim war, sodass selbst die, die dort arbeiteten, nicht wussten, was man dort produzierte. Wir weinten und weinten und weinten, während mein Vater, der berühmte Dirigent und Busfahrer (siehe alte Einträge zum Thema), alles rausholte, was im Pückler drinsteckte, jede Faser dieses berührenden Stückes riss er mit seinem Dirigentenstock heraus und warf sie dem abwesenden Publikum vor die Füße, so lange, bis wir die ersten Buhrufe zu hören vermeinten. Die Buhrufe und Pfiffe schwollen an, damals in der DDR, in der noch alles anders war, in der sie keine Technik und keine Jacken von Nike hatten, und an die ich heute denken muss, weil ich in einer Zeit lebe, in der alles verschwendet wird, selbst die Butter wird verschwendet, die Fische werden verschwendet, die Nudeln, sogar die Austern, sodass es einem schlecht werden müsste, wenn man an sich und die Zukunft denkt.

Vater stieg von der Kiste und wir fuhren wieder heim, wir vergruben uns in unserem großen Haus, diesem stets zu großen Haus, in dem ich mich verlief, und in dem sich meine Mutter verlief, und mein Vater, bis er eines Tages nicht mehr zurückfand, weil er eine falsche Abbiegung genommen hatte (vielleicht, vermutlich – wir wissen das ja nicht so genau).

Damals in jenen schwermütigen Tagen, in denen man die Haare vorne kurz und hinten lang trug, und in denen die Welt kurz vor ihren Aus stand, schrieb ich meine bekannten Gedichte, die so schwermütig und schwerhörig wie mein Großvater waren, mein Opa, der in einem Nebenzimmer eines Nebenzimmers unseres an Nebenzimmern so reichen Hauses saß und der meinen Gedichten lauschte, mit seinem langen Rauschebart und seiner Nickelbrille, die ihn wie der Weihnachtsmann aussehen ließen. Und ich sitze heute hier und denke, ich will das alles wieder, ich will wieder, dass mein Vater Pückler dirigiert, ich will meinen Großvater und seinen Bart. Alles verschwunden, alles fort.

 

Schlot

 

Rußgeschwärztes Jammerdunkeltal.

Turm. Fahl dein Gerippe. Schippe

für Schippe schaufeln wir den Ruß

aus deinem Gewand. Tand, auf den

du fortan verzichten musst.

Brust, ich kraule

dich. Faule nicht.

Nicht in diesem Gedicht!

 

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