Dienstag II

Ich habe – Sie wissen davon, wenn Sie diesem Tagebuch unermüdlich folgen – zahlreiche Kinder. Eines von ihnen, das nicht von mir gezeugt wurde, das mir aber nichtsdestotrotz am Herzen liegt, ist aus dem Urlaub, den sie bei ihrem Vater verlebt, zurückgekehrt.

Um das Ereignis ihrer Heimkehr zu feiern, werden wir heute Abend gemeinsam beim Griechen speisen. Das Kind wiegt momentan zarte 180 Kilo und kann ein paar Pfunde mehr auf den Rippen gut vertragen. Den ganzen Tag läuft sie in ihrer Jogginghose durch die Wohnung, an diesem Kleidungsstück verzweifelnd, das sie an allen „Ecken und Enden“ zwickt und beißt, wie man es sonst nur von einer Horde Flöhe erwarten würde.

„Ach, ich habe einen solchen Hunger. Wenn ich nicht aufpasse, werde ich ohnmächtig werden“, erklärte mir das aufgeregte Kind erst vor wenigen Minuten.

„Du solltest auf deine Figur achten!“ riet ich ihr. „Nimm dir die Sonne als Beispiel. Groß! Rund! Ein König am Himmel, der alles überstrahlt. Gewaltig thront sein Leib, um dessen Zentrum wir uns wie Tänzer drehen.“

Beseelt lächelte sie mich an und stopfte sich eine Packung Chips in die halbleeren Backentaschen.

„Danke“, sagte sie. „Genau das habe ich jetzt gebraucht.“

Von meiner Frau, dürr wie eine Wüste, hagelte es Vorwürfe, die mir wie faules Obst ins Gesicht segelten. Ich würde Schuld am Tod des Kindes tragen. Das sei Aufforderung zum Selbstmord.

„Wegen dir wird sie nie einen Mann finden!“ giftete sie mich an.

„Unsinn. Außerdem gibt es inzwischen genug Fernsehsendungen, die sich um solche Randpersönlichkeiten kümmern. Und zu dick ist sie nicht. Das liegt immer noch im Auge des Betrachters.“

„Im Auge des Betrachters? Sie sprengt jedes Auge.“

„Das tun die Brüste von Katie Price und Pamela Anderson auch. Und niemand führt deshalb Beschwerde.“

„Billige Flittchen! Mit denen willst du sie doch nicht vergleichen.“

„Niemals. Man sollte sie als eine Art Gerard Depardieu auf dem Weg zu sich selbst sehen. Als der Depardieu, der aus Russland ausreißt, weil er die Werte seines inneren Frankreichs erkannt hat.“

„Ausreden. Faule Ausreden.“

So ging es hin und her. Sie sehen es ist nicht leicht, ein Kind in die Höhe wie in die Breite wachsen zu lassen, vor allem, wenn die Gesellschaft über ein dafür nötiges Augenmaß noch nicht verfügt.

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4 Gedanken zu “Dienstag II

  1. Lange nicht mehr haben meine Arbeitskollegen mich so stirnrunzelnd angeschaut, wie während des Lachgewitters, das beim Lesen deines entzückenden Textes über se hereinbrach. Herrlich, herrlich.

    1. Vielen Dank! – Du solltest dir das unkontrollierte Lachen zur Angewohnheit werden lassen. Verwirrt und erheitert die Kollegenschaft gleichermaßen. Und schon stempelt man dich als Exzentriker ab! 😉

    2. Dass die mich „Perverser“ und „Widerling“ nennen, reicht. Den Exzentriker spare ich mir für die Weihnachtsfeier auf 😉

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