Donnerstag II

Man hat mich, Sie werden es nicht glauben, und dies trotz meiner Versicherungen, hier die reine Wahrheit kundzutun, in eine Stadt eingeladen, deren Name noch unbekannt bleiben muss, fürchtet man dort doch um seinen schlechten Ruf. Ja, sie haben richtig gelesen, man bangt um seinen fehlenden guten Ruf, und sollte doch einer vorhanden sein, so wäre er, wie man mir erklärte, mit den hiesigen Ansichten zu Moral und Rechtsprechung nicht in Einklang zu bringen; daher ließ man mich ein Papier unterzeichnen, das eine Verschwiegenheitsklausel enthielt, deren Einhaltung ein Muss für mich sein sollte, will ich nicht Leib und Leben meiner Liebsten gefährden.

Warum reise ich dennoch ab?

Es gilt die Geschichte meiner Familie zu recherchieren, meines Vaters, des Busfahrers, und meiner Mutter, die als rot eingefärbte Punkerin für ihre Taschendiebstähle bekannt wurde. Sie stahl nicht die Inhalte, weit gefehlt, sondern die Taschen höchstselbst, derer sie unbedingt (hier lag wohl ein zwanghaftes Verhalten vor) habhaft werden wollte. Daher leerte sie ihre Beutezüge sorgsam in die Abfalleimer der unbenannten Stadt aus, um durch die Handtasche als solche ein Gefühl von Glücksseligkeit zu empfangen, das sie heiter durch den Alltag des dunklen Ortes, in dem sie vom Schicksal zu leben gezwungen worden war, trug.

Ich kann mich noch gut an mein Zuhause erinnern, das mit Handtaschen überlief. Große, kleine, breite, gestreifte. Handtaschen, wohin Hand und Auge packten. Auf dem Bett, unter dem Bett, auf und in der Kommode, auf dem Klo, unter dem Esstisch. Ach, was will ich all die Orte aufzählen, weil ALLE Orte Platz für ihre Taschen boten.

Heute, nach dem Tod meines Vaters in Bulgarien, wo sie ihren letzten gemeinsamen Urlaub verlebten, und er sich mit einer Herzattacke von der Mühsal des Busfahrens ins Jenseits verabschiedete, tingelt meine Mutter als Gestaltwandlerin durch die Weltgeschichte, stets mit einer ihrer zahlreich „erworbenen“ Handtaschen. Ein Tag ist sie Lady Willmouth, an einem anderen Tag Königin Beatrix von Saba. Das, was das Leben ihr vorenthielt, zieht sie nun mit einer gewissen Genusssucht an sich heran, um jede Sekunde auszusaugen. Eine Form des modernen Vampirismus, der in den westeuropäischen Ländern früher häufig anzufinden war, während er heute den Gestaltwandlern vorbehalten scheint, die auch gerne als Banker und Politiker das Parkett der internationalen Geschehnisse betreten.

Da ich mich für die nächsten ein bis zwei Monate nicht – wie gewohnt – in der Villa aufhalten werde, wird es auch, schon meiner Verschwiegenheitsklausel wegen, keine Einträge in meinem Tagebuch geben.

Aber, wer weiß, ich bin dafür bekannt, mein eigenes Wort gerne zu brechen …

Bleiben Sie mir also gewogen, bis ich von meiner Reise zurückgekehrt sein werde.

Der Rest muss vorerst offen bleiben …

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